WENN DER BULLE ZWEIMAL KLINGELT

 

„Hände hoch, Arschloch!“ ich zücke meine Pistole und richte sie gezielt auf den kleinen Ladendieb. „Beine auseinander!“ Ich trete ihm fest gegen den linken Knöchel und bin froh, dass er so gut gehorcht, ich greife in seine Jeanstasche und hole das Portemonnaie heraus. „Tyrell……ja? Hach…… 14 Jahre…..wann bist DU denn falsch abgebogen, Tyrell?“

Ständig haben wir es hier mit minderjährigen Straftätern zu tun, es ist zum Verzweifeln.

Ein Kollege legt ihm Handschellen an und setzt ihn in den Streifenwagen.

 

„Gute Arbeit Officer Steele.“  Mein Boss klopft mir aufmunternd auf die Schulter. „Sie waren sehr schnell, da zahlt sich das tägliche Training wohl aus!“ Ich grinse. Ja, jeden Morgen laufe ich die 4 Meilen von meiner Wohnung bis ins Revier, dann noch schnell unter die Dusche, in die Dienstkleidung und ich bin bereit. Ein tägliches Ritual, das ich mir angefangen habe – mittlerweile kann ich gar nicht mehr anders.

Ich habe kaum Kontakt zu anderen Police-Officers….bin eher der Einsiedlerkrebs. Ich bin gut in meinem Job, keine Frage…. zwischenmenschlich jedoch, wurde ich bereits zu viel enttäuscht, sodass ich mich immer mehr abgekapselt habe und irgendwann haben auch die hartnäckigsten Freunde aufgehört mich anzurufen. Aber ich bin durchaus zufrieden, wer braucht schon Freunde….. schließlich habe ich Mr. Kittles. Alleinstehend mit Kater klingt im ersten Moment erbärmlich…. ich weiß.

Nun ja, ich LEBE nun mal für meinen Job und möchte gerne Detective werden und dafür muss ich hart arbeiten. Spaß kann ich später auch noch haben. Reisen ? – Die Welt geht doch nicht unter, Hawaii steht auch in 20 Jahren noch!

 

„Steele? Zu mir ins Büro!“

Ich straffe meine Uniform und betrete das Büro des Captains.  Er deutet mit der Hand auf den leeren Stuhl vor seinem überfüllten Schreibtisch. Mich macht der Anblick ganz nervös, da ich sehr ordnungsliebend bin und diese wild aufeinander gereihten Folder, die uralten Kaffeetassen, die Verpackungen der Ding-Dong`s ….. ich fege ein paar Brösel von der Sitzfläche. Herzhaft beißt er in einen Bagel und beginnt. „Sie zählen zu meinen besten Männern, Steele.“ Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Für diesen Fall ist es wichtig, sich auf andere Menschen einstellen zu können. Ich schätze ihren Instinkt, sie liegen sehr oft richtig…….“

Ich möchte gerade ansetzten etwas zu erläutern da stoppt er mich mit einer Handbewegung, schiebt einige Akten beiseite – hach da fällt ein Foto zu Boden, ich blicke gebannt darauf…… - und öffnet eine neue Akte. „Das hier ist Michael Allister.“ Er tippt mit seinem fettigen Finger auf eine Person im Hintergrund des Bildes. Offensichtlich ein Überwachungsfoto. „Er wohnt beschaulich und scheinbar unauffällig in der Vorstadt, lebt sein Leben als braver Familienvater. Offiziell verdient der Scheißkerl sein Geld mit Immobilien….. inoffiziell betreibt er aber einen Ring aus Prostitution und Drogen …. Aber er ist gewieft.“

Ich nehme die Fotografie in die Hand und schaue mir den Verdächtigen näher an. Unauffälliger Kerl, kurze, dunkle Haare, normale Statur, biederer Kleidungsstil.

Ich nicke. „Und was erwarten Sie nun von mir Captain?“

Er legt eine weitere Akte über die andere…. Ich werde ganz nervös, hier ist absolut kein Platz auf diesem riesigen Schreibtisch! Ich höre sein Telefon klingeln. Nun beginnt er mit dem Umschichten diverser Papiere bevor das Klingeln endgültig verstummt.

„Das ist Detective Wagner, sie werden mit ihm gemeinsam Undercover an dem Fall arbeiten…. Als junges Ehepaar. Sie lassen sich von Allister das Nachbarhaus zeigen, das idealerweise zum Verkauf steht…. Teamwork Steele, Teamwork. Haben Sie verstanden?“

Mit weit geöffnetem Mund blicke ich ihn an.

„Sie wollten doch immer ihre Chance….. nutzen Sie sie Steele… und nun HUSCH, raus… ich hab noch viel Arbeit zu erledigen….“ Er wühlt unter seinem Müll nach einem Kugelschreiber. „Ach und Steele?“ Ich bleibe kurz stehen. „Versuchen Sie ein wenig……hm…. femininer…… hausfraulicher auszusehen, ja? Voller Einsatz!!!“

Ich schließe die Tür hinter mir und atme tief ein und aus. Die Akte unterm Arm setze ich mich an meinen Schreibtisch und studiere die bisherigen Ergebnisse durch.

„SCHÄTZCHEN!!!“

Verschleppung, Drogenhandel, Prostitution, Körperverletzung….. Mann, Mann, Mann…. Das würde man dem Kerl gar nicht ansehen. Vorlieben? Ah hier… Golf und Angeln. Hm….. seine Frau ist….

„HUHU SCHÄTZCHEN!“

…. seine Frau ist Becky, die zwei haben sich im College kennengelernt und haben 2 gemeinsame Kinder.

„SCHATZ!!!“

„Herrgott nochmal, könnte bitte mal wer reagieren?“ ich bin genervt.

Sämtliche Kollegen starren  mich an. Was ist los? Hab ich etwa einen Popel oder was zwischen den Zähnen?

„Da bist du ja.“ Ein großer Kerl kommt an meinen Schreibtisch und setzt sich frech auf meine Arbeitsfläche. Er lässt ein Bein baumeln, legt den Kopf schräg und sieht mich grinsend an.

„Und Sie sind nun…. wer?“ In dem Moment erinnere ich mich an das Foto des Detective`s…..

Sein Grinsen wird breiter.

„Wagner?“ Ich kontrolliere das Foto mit dem Original. Kein Zweifel.

Er reicht mir die Hand. „Freut mich Susi! Ich darf dich doch beim Vornamen nenne, oder? Nachdem wir nun offiziell verheiratet sind.“ Er zwinkert schelmisch.

Igitt, solche Kerle verspeise ich normalerweise zum Frühstück. Präpotent, eingebildet, selbstverliebt…. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Naja, welche Wahl hab ich. Ich reiche ihm auch meine Hand. Er legt seine zweite darum und sieht mir tief in die Augen. „Enchantè …. Ich bin Tom.“ Und drückt mir einen Kuss auf den Handrücken.

Angewidert verziehe ich meinen Mund und entziehe ihm meine Hand mit einem Seufzen.

„Gut…. Dann haben wir das geklärt, Tom. Wie wollen wir vorgehen?“ Ich schließe einen weiteren Knopf an meiner Jacke. Ich kann nicht sagen, dass er hässlich wäre, keinesfalls….. aber auf SOLCHE Kerle stehe ich nun überhaupt nicht.

„Hallo Tom, wie geht`s?“ Patricia, die Assistentin des Captain  ergo Büroschlampe, stolziert mit geschwellter Brust an meinem Schreibtisch vorbei – macht sie sonst nie….. wieso überrascht mich das nun nicht!?

Er zwinkert ihr zu und schnalzt mit der Zunge dabei. WÜRG.

Nachdem wir die Vorgehensweise für den kommenden Termin mit Allister abgesprochen haben, legt er seine Hand auf meine Schulter und sagt: „Mach dich schick für morgen Mäuschen, ja? Zieh ruhig einen Rock an, ich glaube du hast tolle Beine! Also dann, see you!“

Geistig schicke ich ihm eine unanständige Geste hinterher.  Arschloch.

 

Abends durchstöbere ich meinen Kleiderschrank….. ich habe massig Anzüge…. Bitte ich bin Polizistin, ich hab keine Verwendung für Kleider und Röcke! Geschweige denn Pumps! Ahhhhh, da ganz hinten hängt  noch ein Kleid, das ich vor Jahren von meiner Mum geschenkt bekommen hab….. zu irgendeinem Fest war das, glaub ich….. es ist knielang, im dezenten beige gehalten und hat massig großer Blumen als Muster. Ja, das werde ich anziehen, dazu noch ein Paar Ballerina`s - et voilà!

 

Ich habe ganz schlecht geschlafen, meine unruhige Nacht kann man auch an meiner Frisur erkennen, sämtlich Haare stehen in alle Richtungen. Schnell noch unter die Dusche, föhnen, das Kleid übergezogen, die Pistole in den Halfter um den Oberschenken und los geht`s.

Wir treffen uns einen Block von Allister entfernt. Detective Wagner steht lässig an seinem Wagen, die Beine verschränkt, eine coole Sonnenbrille auf. Er könnte genauso gut für einen Kalender posieren.  Ich parke meinen Wagen und gehe selbstsicher auf ihn zu.

„Kannst du auch ein wenig sexy gehen Susi? Du hast das doch sicher in dir….. lass die Frau in dir raus und den Bullen daheim!“ Er grinst mich schief an.

„Halt die Klappe!“

„Wusste ich`s doch, dass du tolle Beine hast!“ Er pfeift anerkennend. „Sag mal, wo hast du denn die Vase zu deinem Outfit?“

Ich zeige ihm den Mittelfinger und steige auf der Beifahrerseite ein.

„Nicht vergessen Liebling, wir sind die glücklichen Waltons und suchen ein ruhiges Zuhause um endlich in die Familienplanung zu gehen.“ Mit seinem Zeigefinger streicht er über meinen Oberschenkel. Ruckartig packe ich ihn und drehe den Finger nach hinten bis er schmerzerfüllt aufschreit.

„Fass mich noch einmal an, und ich brech ihn dir, ich schwöre…….“  In dem Moment ist ihm bewusst, dass ich es todernst meine.

Beleidigt startet er den Wagen, dreht das Radio laut auf und wir fahren die letzten Meter bis zum „FOR SALE“-Schild. Allister steht bereits davor, er trägt einen gelben Polunder mit Karomuster über einem  Hemd, seine Haare sind streng mit Gel in Form gebracht, eine Bundfaltenhose komplettiert das Bild. Aber als Cop lernt man, sich nicht von Äußerlichkeiten täuschen zu lassen. Er lebt perfekt sein zweites Leben als Familienvater und Immobilienmakler……

 

Wir steigen aus dem Wagen, Tom legt demonstrativ seinen Arm um mich. „Und zähl das ja nicht als Anmache…… das ist rein beruflich, ja? Ich steh nämlich auf richtige Frauen…. die nicht so verklemmt sind!“

Das hatte gesessen.

 

Allister reicht zuerst mir freundlich die Hand, danach „meinem Mann“.

„Willkommen Mr. Und Mrs. Walton. Sie werden sehen, das hier ist der ideale Ort um eine Familie zu gründen. Ich selbst wohne direkt nebenan mit meiner lieben Frau und meinen reizenden zwei Kindern. Ein wahres Paradies auf Erden. Wenig Verkehr, sichere Gegend, nette, hilfsbereite Nachbarn. Das Gebäude ist er wenige Jahre alt………“

Gedanklich klinke ich mich gerade aus. UNMÖGLICH, dass dieser Kerl so ein skrupelloser Mensch sein soll. Er ist ein Softie erster Klasse….. der hätte doch NIE im Leben den Arsch in der Hose international mit Drogen zu dealen und illegale Prostituierte quer in den Staaten einzusetzen…. Mein Gefühl irrt sich nur selten. Ich blicke zu Tom – genauso, wie mir mein Gefühl sagt, dass DER Kerl da ein Aufreißer ist.

„Tsssssss.“ Entfährt es mir.

„Hm? Mrs. Walton, wollten Sie dazu etwas sagen?“

„Oh, Mr. Allister, nein. Ich bin nur so glücklichen DIESEN Mann an meiner Seite zu haben!“ Ich kneife ihn grob in die Wange. „Ein richtiger Schatz, jede Frau könnte sich glücklich schätzen so einen tollen Hecht zu haben. Ich kann es kaum erwarten ganz viele Babies mit ihm in die Welt zu setzten!“ Ich grinse ihn fies an.

Tom reibt sich kurz über die Wange, die noch ein wenig rot ist.

Allister legt seinen Kopf schief und lächelt. „Ohhhhhhhhh, Sie beiden wirken soooo verliebt. Schön!“

„Ja, verliebt wie am ersten Tag, nicht wahr?“ Bevor ich ihn auch noch in die zweite Backe kneifen kann löst er sich von mir. Hähähä.

Die Besichtigung dauert etwa eine Stunde. Wir verabschieden uns von Allister und stolzieren Arm in Arm zum Wagen.

Kaum ist die Autotür geschlossen beginne ich mit meiner Analyse. „Tom, das ist unmöglich der Gesuchte? Nie im Leben, da verwette ich meinen Arsch drauf!“

„Oh, das wäre aber schade drum. Die bisherigen Ermittlungen sehen ihn eindeutig als den Drahtzieher, daran kannst du nicht rütteln.“ Sein Blick bleibt einen Hauch zu lange in meinem Dekoletee hängen. Ich werde knallrot und hebe schützend meine Hand vor meine Brust. „Augen nach oben du Schwein!“

„Nun stell dich nicht so an…. Könntest ruhig ein wenig mehr mit deinen Reizen aufwarten! Du hast gar nicht eine so schlechte Veranlagung, du verpackst sie nur leider….. sehr bescheiden.“

„Kannst du  mich bitte zu meinem Wagen bringen?“ Ich rolle meine Augen über.

 

Wir geben den ersten Bericht dem Captain. Dass wir nicht unbedingt einer Meinung sind behalten wir derzeit noch für uns. Ich kann mein Bauchgefühl noch nicht begründen. Nun heißt es Koffer packen. Wir haben das ok der Finanzabteilung für die Anzahlung des Hauses erhalten und müssen Ende der Woche einziehen um die Überwachung fortzusetzten.

 

Ich betrete ehrfürchtig mein neues Zuhause. WOW, kein Vergleich zu meiner kleinen, schäbigen Zwei-Zimmer-Wohnung ohne Balkon! Alles fertig möbliert, die Polizei hat ganze Arbeit geleistet. Sogar Blumen stehen auf dem Küchentisch.

„Ich bin zu Hause Schaaaaatz!“

Schon ist es vorbei mit meiner guten Laune….. irgendwie müssen wir uns arrangieren. Bereits die letzten Tage hat es sich klar herauskristallisiert, dass wir zwei keinesfalls auf einer Wellenlänge schweben. Ich bin ihm zu wenig Girlie und er mir zu viel Arschloch.

Rumps, die Türe fällt ins Schloss. Anerkennend pfeift er. „Das Haus ist toll geworden, was? Da könnte man es aushalten!“

„Sogar die Stiptease-Stange wurde im oberen Zimmer eingebaut, wie du es wolltest.“ Knalle ich ihm vor den Latz.

„Humor…… schöne Eigenschaft!“  er lächelt. „Ist denn auch der Käfig im Keller da für mein…. ungehorsames Eheweib?“

Oh…… mit einer Retourkutsche hatte ich nun nicht gerechnet, ich muss unbedingt daran arbeiten schlagfertiger zu sein. Stattdessen ziehe ich ein abwertendes Gesicht, schüttel den Kopf und gehe in den Nachbarraum.  Dort haben wir uns ein kleines Büro eingerichtet, mit Pinnwand, PC und allen Fotos und Informationen über den Fall.

Tom folgt mir, er möchte gerade den Mund aufmachen, als Mr. Kittles ihn böse anfaucht.

„Ah, du hast eine Katze? Ich hasse Katzen!“

Liebevoll hebe ich meinen Kater auf und vergrabe meine Nase in seinem duftenden Fell.

„Igitt, wie kannst du nur.“

Mr. Kittles faucht erneut, als ob er die Beleidigung, die mitklang, verstanden hätte.

„Nicht wahr Süßer, auch du merkst, dass das ein böser Mann ist, aber wir müssen ihn nur wenige Wochen ertragen,  dann schlüpft er wieder in das Loch zurück wo er hervorgekommen ist…. Ja, das tut er, jaaaaaaaa……“

„Erklär mir mal, warum die verrückten Frauen immer eine Katze haben? Ist das …. die Grundbedingung für den Schreckschraubenclub?“

 

Die kommenden Tage verlaufen relativ ereignislos. Ich habe mich ein wenig mit  Allisters Frau Becky angefreundet. Eine typische Vorstadt-Ehefrau/Mutter….. sie erinnert mich stark an die Stepford-Frauen.  Perfekt gestylt, perfekte Etikette, höfliche Vorzeigekinder die im Vorzeigegarten spielen und zum Kaffee gibt es Selbstgebackenes.

„Hach ja Michael ist ein toller Ehemann und Vater.“ Flötet sie melodisch und schwärmerisch. „Er arbeitet wirklich sehr hart und kann dadurch seiner Familie einen mehr als guten Lebensstandard bieten.“  Mit einer Handbewegung hält sie mir den Teller mit Gebäck unter die Nase. „Croissant?“

„Nein danke Becky. Ja ihr habt es sehr schön hier.“ Ich schaue mich ein wenig um. „Ich bin nur überrascht, dass man durch Immobilienhandel SO schön leben kann….. gehst du denn auch einem Beruf nach?“

Kurz blitzt es in ihren Augen auf, das ist wohl ein wunder Punkt. „Nein.“ Schon setzt sie ihr süßes Grinsen wieder auf. „Michael und ich haben vereinbart, dass ich mich um Haushalt und die Kinder kümmere, außerdem bin ich Vorsitzende in diversen Organisationen.“

Ich sehe die Ansammlung an Familienfotografien – perfekt – wie alles andere auch. Das stinkt doch GEWALTIG.

Ich verabschiede mich herzlich und verspreche die Familie Allister in Kürze auch bei uns einzuladen.

 

Abends sitzen Tom und ich zusammen in der Küche bei einer Pizza…..

„Michael zu verfolgen ist überhaupt nicht ergiebig. Er zeigt wirklich nur ein Haus nach dem Anderen, seine Telefonate sind unauffällig, ich habe absolut keine Ahnung wie er das alles organisiert!? Es ist zum Verzweifeln.“  Herzhaft beißt er in sein Stück.

„Wir müssen in das Haus…. Uns bleibt gar keine andere Wahl. Dort ist alles so perfekt, da ist was faul.  Wenn wir was finden dann DORT!“ Auch ich reiße mir ein Stück ab.

„Bier?“

„Mhm, bitte gerne!“

Tom steht vor dem Kühlschrank greift hinein und schießt mir eine Dose herüber.  Wie ein eingespieltes Team.

Plötzlich richte ich mich auf und grinse. „Wir, mein Lieber, veranstalten ein Barbecue zum Einzug, für die gesamte Nachbarschaft!!! Was sagst du?“

„Spinnst du? Wir haben hier an einem Fall zu arbeiten und sollen nicht soziale Kontakte pflegen!“

„Mann, bei der Vergabe des Verstandes warst du wohl gerade auf dem Klo, was? Hast du Glück, dass du notfalls auch deinen Körper verkaufen könntest!!“  ich schüttle den Kopf. „Dann steht das Haus zu dem Zeitpunkt leer! Schnallst du es jetzt? Jemand kann sich einschleichen und alles durchsuchen, da müssen wir doch Hinweise finden!“

„Ich wusste, dass du meinen Body heiß findest!“

Ich hatte es geahnt, dass dies der einzige Satz sein wird, der hängen bleibt!

 

Gesagt – getan. Bereits wenige Tage später kommt der Caterer und schmeißt einen gigantischen Grill an, kurz darauf strömt die Nachbarschaft schön grüppchenweise in unseren bezaubernden Garten.  Das Wetter ist ideal, die Gespräche nett und die Gäste werden immer beschwipster. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, wo Tom und ich uns aufmachen um das Haus der Allisters ein wenig „genauer“ unter die Lupe zu nehmen. Wir verabschieden uns kurz mit der Ausrede, noch Getränke holen zu müssen, steigen hinter dem Haus über den Zaun und Tom öffnet mit Leichtigkeit die Hintertür des weißen Holzhauses. Wir können das Gelächter von drüben wahrnehmen und sind ein wenig beruhigt, als wir Becky laut auflachen hören.  Wir blicken uns kurz in die Augen und müssen schmunzeln, so ein aufgesetztes Lachen würde man unter Tausenden wiedererkennen!

Das Wohnzimmer, das Esszimmer und die Küche sind sauber, kein einziger Hinweis, es ist  zum Verzweifeln. Nun noch den oberen Stock. Wir sind schon 15 min unterwegs, hoffentlich wird niemand stutzig. Gemeinsam betreten wir das Schlafzimmer von Michael und Becky. Eine geblümte Überdecke liegt über dem Ehebett, darauf noch etliche Zierpolster drapiert. Jedes Porzellanfigürchen hat seinen Platz, es sieht aus wie in einem Einrichtungskatalog.

 

„Ich schaue unter`s Bett.“ Und schon steckt mein halber Köper darunter. Tom pfeift hinter mir.

„Süße, dein Hintern ist wirklich nicht zu verachten, du könntest den ruhig öfter herzeigen.“

„Verzieh dich!“ Ok, ein klein wenig geschmeichelt fühle ich mich schon.

Tom durchsucht die Nachtkästchen, das Bücherregal, den Kleiderschrank.

Ganz weit hinten unter dem Bett entdecke ich eine kleine Kiste, vor Aufregung fahre ich mit dem Kopf hoch und ein lautes DONG erklingt. „Aua, verflucht!“

Langsam robbe ich mich heraus und präsentiere meine Beute. Wir setzten uns aufs Bett und heben den Deckel an!

Was wir da entdecken verschlägt uns die Sprache!!!!

 

„Hast du das auch gehört?“ Unsere beiden Köpfe schnellen hoch.

„Ist da etwa jemand?“

Wir erkennen klar Schritte auf der Treppe.

„Scheiße, was machen wir nur?“ Ich kriege Panik, schuppse den Karton unters Bett und schaue Tom verzweifelt an.

„Mach einfach mit!“ höre ich nur noch und schon stürzt er sich auf mich, reißt mir das Oberteil vom Leib und küsst mich leidenschaftlich. Ich bin ganz perplex, damit hatte ich nun nicht gerechnet. Ich schlinge die Arme um seinen Hals und höre in dem Moment die Schlafzimmertür aufgehen.

„WAS ZUM TEUFEL MACHT IHR DA?“ Becky`s Stimme klingt hysterisch. Meine Wangen sind gerötet, mein Körper überhitzt – Scheiße, das war vielleicht GUT! Ich spüre meinen Herzschlag ganz intensiv.

„Ähm……äh…..also….“ Ich bin nicht imstande einen ordentlichen Satz herauszubringen.

„Becky! Oh es tut mir so leid, aber du weißt wie das ist bei Frischvermählten…. Unser Haus ist zum bersten voll mit Leuten und wir…..“ er grinst schelmisch „waren so heiß aufeinander! Liebste Becky bitte verzeih uns diese menschlichen Gelüste….. das hätte natürlich NIE und NIMMER passieren dürfen!“

Boa, war er gut! Ich staune über diese spontane Einlage.

„Aber ihr könnt doch nicht einfach…..“

Tom bremst sie mit einer Handbewegung. „Ich weiß, bitte verzeih uns, es wird nie wieder vorkommen!“ Schon zieht er mich in die Höhe, drückt mir einen Kuss auf die Stirn und eilt die Treppe mit mir hinunter.

„Bis gleich Becky und Entschuldigung nochmal!“

Obwohl wir schon zur Haustür raus sind, hält er meine Hand nah wie vor…. Fühlt sich eigentlich ganz gut an….. so eine feste Hand….hm…. ja, hat eindeutig was.

Die Party ist nach wie vor in vollem Gange, die Gäste amüsieren sich köstlich.

„Was sagst du dazu?“ Tom sieht  mir tief in die Augen.

Ich grinse verlegen. „Das war gut, es war…. Schön!“

Nun beginnt auch er zu grinsen….. „Ich meinte die Schachtel!“

Ahhhhhh, peinlich! Ich räuspere mich. „Ich natürlich auch…..was meinst denn du?“ Ich versuche so professionell wie möglich zu klingen.

„Du fandest diese Fotos….. schön?“

Erinnerungsfetzten treten vor mein inneres Auge – NEIN, schön ist was Anderes, abartig trifft es eher. Aber bitte, jedem das Seine!

„Ich denke wir weiten den Bespitzelungsauftrag aus!“

„Ja das glaube ich auch.“

 

Noch Tage später winken uns die Nachbarn freundlich zu und schwärmen von der gelungenen Party. Becky hat anscheinend dicht gehalten!

Tom stürmt zur Haustür herein. „Heute Abend um 20 Uhr! Heute steigt eindeutig ein Deal! Michael hat gerade telefoniert, in einem Motel nahe der Interstate!“

Verblüfft starre ich ihn an. „Bist du sicher?“

„Es klang sehr verdächtig und ich hab ein gutes Gefühl dabei…. Ich glaube heute tut sich endlich was! Dann hat der Spuk endlich ein Ende.“

Ein klein wenig geknickt bin ich durch diese Aussage, ich hab mich langsam an ihn gewöhnt, an den männlichen Geruch, der sich durchs Haus zieht, sogar an das Geschnarche aus dem Nachbarschlafzimmer, die Sportsendungen die VIEL zu laut aus dem Fernseher dröhnen und vor allem, die gemeinsamen Mahlzeiten……

„Gut, dann hänge ich mich heute an Becky, sie hat auch abends einen Termin…..“

 

Fast das ganze Policedepartment hat sich vor dem Motel positioniert, alle Zeichen stehen auf Alarmbereitschaft. Michael`s Wagen fährt langsam auf den Parkplatz, er steigt aus, sieht sich um.

„Sehr verräterisch, was?“ flüstert  Tom dem Kollegen neben ihm zu. Er ist zufrieden mit seinem bald gelösten Fall. Heute passiert etwas Großes, das hat er im Gefühl… der Fall ist so gut wie gelöst. Ganz kurz fährt ihm ein mulmiges Gefühl durch die Magengegend. Mittlerweile hat er sich schon so an Susi`s Macken gewöhnt, er lächelt, sie leert die M&M`s immer in eine Schüssel aus und sucht sich nur die roten und gelben raus….alle anderen bleiben unberührt. Sogar ihr biestiger Kater ist ihm ans Herz gewachsen – ein klein wenig. Bald ist das alles vorbei und er kehrt zurück in seine leere, kalte Wohnung.

Allister eilt die Stiege hoch, klopft bei Zimmer 304 zweimal und tritt schnell ein. Man gibt ihm genau 5 min, bevor das Apartment gestürmt wird.

„Hände hoch!“ schreit Tom und richtet die Pistole auf den ahnungslosen Allister. „Oh mein Gott!“

Allister liegt mit heruntergelassenen Hosen auf dem Bett, hinter ihm ein Adonis, der ihn gerade zu besteigen probiert. Die Polizei ist soeben in ein Stelldichein mit Waffengewalt eingedrungen.

Zwei Officer`s können sich ein Kichern nicht verkneifen.

Tom ist fassungslos. Allister zieht sich schnell seine Hose hoch und heult wie ein kleines Kind, dass er doch nichts Falsches gemacht hat, dass seine Frau eine Furie sei, die alles kontrolliert, dass seine Eltern es NIE verstanden hätten…..

„Wenn Michael unschuldig ist….was haben dann die Foto`s zu bedeuten?“ leise flüstert Tom vor sich hin.

„SUSI!“

Tom`s Augen sind weit aufgerissen, er reißt sein Handy heraus und wählt ihre Nummer….. Mobilbox – shit!  Verzweifelt blickt er auf sein Telefon….bemerkt eine SMS.

 

„Sind im „Pooky-Pie“ – JA genau in dieser Spelunke –

wer hätte gedacht, dass es BECKY so wild treibt!!!

See you!“

 

Auf einmal geht alles ratzfatz, Minuten später stürmt das Kommando den Schuppen, verhaftet Becky Allister samt zwielichtiger Komplizen…..

Susi sitz gefesselt und geknebelt in einer Ecke und sieht Tom mit dankbaren Augen an.

„mh mmhm mmmmhmmmm!“

„Was sagst du?“ Diese Situation muss er einfach auskosten. „Du sprichst ein wenig undeutlich Süße!“

Oh, dieser Blick nun….. man muss auch wissen, wann der Spaß vorbei ist. Er nimmt ihr den Knebel ab.

„Bin bin ich froh, dass ihr gekommen seid…. Ich habe alles auf Tonband, in meiner linken Jackentasche. Bind mich los!“ sie zappelt unruhig.

Langsam fährt er mit seiner Hand in ihre Jackentasche, kommt ihr dabei bedenklich nahe, sodass sie seinen Duft direkt inhalieren kann. Mhhhhhh.

Oh, und vorbei ist er, dieser magische Moment……

Tom knotet sie los, zieht sie hoch und hält sie in seinen Armen fest, seine Nase ist ihrer ganz nah.

„Mrs. Walton, würden sie denn auch mal mit mir ausgehen?“ neckt er sie  schelmisch.

„Na, bevor ich mich schlagen lasse?“

Instinktiv denken beide an die Fotografien in der Kiste der Allisters und fangen laut zu lachen an……

 

 

 

HORRORTINSTAG!!!!

 

Nervös tänzle ich vor meinem Spiegel im Badezimmer herum – nur noch knapp eine halbe Stunde und Chris würde mich abholen – er hatte nur eine Überraschung angekündigt und ich lieeeeeebte sowas – wenn sich jemand Gedanken um einen macht, das ist toll. Bereits in den frühen Morgenstunden – ok, ich muss gestehen es war VERDAMMT früh… knapp 6 Uhr – stand der Fleurop-Bote vor meiner Türe und überreichte mir einen überdimensionalen Blumenstrauß, der A) in meiner winzigen Wohnung kaum Platz fand und wofür ich B) nicht mal eine Vase besaß. Also stand nun ein monströser Strauß im Putzeimer mitten im Wohnzimmer auf dem Boden und ich hatte die Badezimmertüre FEST verschlossen, da mir der intensive Duft der Blütenpracht Kopfschmerzen bereitet. ABER, es war ja soooooo romantisch von ihm!!! *rumhüpf*

Um 10 Uhr stand dann ein singendes Telegramm auf der Straße und schrie mir „Wie schön du bist“ entgegen… ich … fand das ja auch noch sehr romantisch, jedoch mochte ich die Blicke der Passanten und meiner Mitbewohner nicht, die natürlich alle gaffend herumstanden und sich köstlich amüsierten. Das arme, menschliche Telegramm quälte sich die Noten aus der Kehle trotz offensichtlicher Erkältung – 3min 35 können da schon mal VERDAMMT lang sein!!! Aber ich muss sagen, sowas hat noch NIE jemand für mich gemacht *schmelz*

Um 11 Uhr überraschte mich dann der Konditor meines Vertrauens mit einer herzförmigen Sachertorte und läutete Sturm – war richtig angepisst, weil er diese Zustellung machen musste. Lieblos war noch ein „14. Februar“ draufgekleckst, kein Herz, kein Alles Liebe zum Valentinstag – NIX, NADA. Wow, ich wurde heute regelrecht mit Aufmerksamkeit überhäuft. Zeitgleich bimmelte mein Handy und signalisierte mir, dass einige Nachrichten eingegangen waren.

 

11:04 „Rosen sind rot, Veilchen sind blau – ich hab dich gern, das weiß ich genau.“

11:05 „Freu mich schon auf dich“

11:07 „Du bist mein großer Ozean – in den ich kleiner Tropfen gefallen bin“

 

Oh Mann… langsam wurde das too much und… kitschig!?

 

11:09 „ :*“

11:10 „Bin schon aufgeregt – alles nur für dich“

 

Das war nun der Moment, wo ich das Handy auf lautlos schaltete… ich wollte mir die Magie des Valentinstages nun nicht von virtuellen Ergüssen zu Nichte machen lassen. Früher hatte man auch keine Onlinedienste, die die Laufarbeit erledigten oder Nachrichten übermittelten. Früher setzte man sich verdammt nochmal auf seinen HINTERN und schrieb einen gefühlvollen Brief mit seinem Herzblut. JA – so war das.

So, nun aber wieder zurück zu meinem Spiegelbild. Langsam ziehe ich den Lidstrich nach, ich will wirklich richtig gut aussehen. Ich schlüpfe in mein Kleid mit dem großen Ausschnitt, richte meine „primären Geschlechtsmerkmale“ noch ein wenig höher… ja, ich bin ganz zufrieden. Die hohen Pumps werden aus dem Schuhkasten von GANZ hinten herausgeholt. HIMMEL – die mussten unbedingt noch geputzt werden, da sind ja überall Abdrücke der Wander- und Turnschuhe drauf… das geht natürlich gar nicht.

Kurz vor 12 – gleich ist er da. Alles was ich wusste war, mich schick anzuziehen. Und nun ist es soweit… es klingelt an der Tür und vor mir steht Chris im Anzug – WOW – mit einer Rose in der Hand – kurz fühle ich mich wie beim Bachelor!!! Ich schnappe mir mein Jäckchen, die kleine Handtasche und wir gehen los.

„Du siehst sehr hübsch aus Melinda.“ Galant küsst er meinen Handrücken – wie ein Gentleman.

„Und, wohin führst du  mich?“ ich lächle aufgeregt.

In dem Moment holt er eine Augenbinde heraus – och nö, das ist wirklich etwas das ich nicht mag. Er grinst mich wissend an… zögert kurz und dann verdunkelt er mir die Sicht. Die kommenden Meter stolpere ich mit meinen hohen Hacken über den Bürgersteig und brech mir dabei fast das Genick.

„Chris… ist das denn wirklich nötig?“ NOCH war ich nicht sauer – aber ich hasse es nicht sehen zu können wohin ich steige und mich auf ihn verlassen muss. Endlich sitze ich im Wagen – es hätte wirklich gereicht mir HIER die Augen zu verbinden, aber bitte. Nach wie vor muss ich mich überraschen lassen wohin mich die Reise führt. Ich bin kurz davor, dass mir übel wird. Endlich hält der Wagen und ich steige aus, obwohl er mich davon abhalten möchte nehme ich die Schleife ab und stehe… Tadaaaa… vor einem französischen Top-Restaurant.

Drinnen ist alles valentinsmäßig dekoriert, es sieht sehr schnuckelig und gemütlich aus. Ein blasierter Kellner bringt uns zum Tisch, der sehr mittig platziert ist… was ich ja eigentlich nicht leiden kann. Uns wird eine riesige Speisekarte gereicht und ich kann nur wenige Gerichte wirklich erkennen worum es sich dabei handelt, also entscheide ich mich für einen Salat mit Garnelen. Mhhhhh der sieht sehr lecker aus. Die Unterhaltung plätschert dahin, wir scherzen ein wenig miteinander und ich genieße es die Paare um uns herum beobachten zu können, eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Leider ist es schwierig, wenn man MITTEN im Raum sitzt und nur einen begrenzten Bereich hat zum Schnüffeln, dafür aber für alle rundherum das „Objekt der Begierde“ ist.

Gerade möchte ich die Gabel mit der Leckerei in den Mund stecken, da hebt Chris die Hand und wie durch Zauberhand steht ein Violinenspieler und dröhnt mir ins Ohr – ich bin kurz vom Tinnitus. Ein Blick in Chris Gesicht zeigt mir, dass er mit sich sehr zufrieden ist. Die Geige ist dermaßen laut, dass man sich minutenlang nicht unterhalten kann – sämtliche Tische um uns herum, starren her… niemand hat einen Fiedler an seinem Platz stehen und wir stören damit wohl den Ablauf im gesamten Restaurant. Mittlerweile spielt der gute Mann sein 5. Stück in Folge und wir sind kurz davor den Nachtisch und Kaffee zu bestellen. Chris drückt ihm dankbar einen Geldschein in die Hand und ENDLICH geht er. HALLELUJAH!

Wir verlassen – irgendwie noch ziemlich hungrig, Salat war nicht dir richtige Wahl – das Restaurant und – OH MEIN GOTT – eine Kutsche mit 2 Schimmeln wartet bereits auf uns. Es ist FEBRUAR und ich hab nur ein dünnes Jäckchen eingepackt, nun sitze ich in der Kutsche, hab eine miefige Decke um die Füße, friere und hab mehr oder weniger Pferdeärsche vor mir… Chris hat seinen Arm um meine Schulter gelegt und ist einfach nur selig. Ich fühle mich SO MIES weil ich einfach nicht in Stimmung komme. Der Kutscher gibt eine Anekdote nach der anderen von sich und Chris amüsiert sich prächtig, ab und an falle ich in sein Lachen mit ein. Wir werden direkt zum nahegelegenen See gebracht und ich erstarre als er anhält.

„So bitteschön, dann hole ich Sie in einer Stunde wieder ab.“

EINE STUNDE????? What… the… f*ck… nach wie vor trage ich nur mein Jäckchen und friere mir den Arsch ab.

„Chris, sei mir nicht böse aber ich hab wirklich keine Lust auf einen Spaziergang, meine Schuhe sind total falsch dafür.“ Ich tätschle dabei seinen Oberarm um verständnisvoll und wertschätzend zu wirken.

„Nein, wir gehen nicht spazieren – siehst du das Ruderboot dort?“ Er zwinkert mir wissend zu.

Ich HASSE Boote, ich fühle mich auf ihnen unwohl seitdem ich als Kind mal von einem ins Wasser gestürzt war hatte ich nie wieder eins betreten. Warum mach ich das überhaupt mit? Momente später sitze ich auf einem kalten Sitz und Chris paddelt sich einen Wolf um mir die Schönheiten des Tages zu zeigen. Das Wetter ist ja super, aber – ich wiederhole – es ist FEBRUAR und ich trage ein JÄCKCHEN…

Er schmachtet mich von seiner Seite des Bootes an und ich sehe jeden einzelnen Schweißtropfen auf seiner Stirn – das hat er sich wohl einfacher vorgestellt… sieht immer so romantisch aus, aber in dem Fall wäre ein Elektroschiffchen LUXUS gewesen.

Mittlerweile schlottern meine Knie – ich habe bläuliche Lippen und ich bin bis auf die Knochen durchgefroren und ENDLICH kommt der rettende Steg in Sichtweite… idyllisch umgeben von einer Schar Schwäne.  Edle Viecher… wir kommen immer näher und – da ist wohl eine überfürsorgliche Mama dabei – das eine Drecksvieh (sorry) pfaucht uns an und schlägt wild mit den Flügeln, ich krieg regelrecht Angst. Chris nimmt ein Ruder und versucht die Tiere ein wenig von uns weg zu schieben – mit mäßigem Erfolg. So gelenkig, wie nie zuvor, verlasse ich das Boot und danke Gott wieder festen Boden unter den Füßen zu haben!!!! Mittlerweile hatte ich Chris Anzugjacke gegen die ärgste Kälte bekommen dafür merke ich, dass er langsam friert, da er sich in der (blöden) Kutsche mehr als die Hälfte der miefigen Decke auf seine Seite zieht. Auf der Rückfahrt hören wir die gleichen Anekdoten, die ich schon beim ersten Mal nicht witzig fand und ENDLICH sind wir wieder beim Wagen. Ich steige ein und drehe die Heizung bis zum Anschlag hoch und bin froh in wenigen Minuten wieder daheim sein zu dürfen, in dicke Socken zu schlüpfen und den Rest des Abends zu genießen, aber da hab ich die Rechnung ohne meinen „aufmerksamen“ Freund gemacht. Was zur Hölle ist denn nur los? Das ist doch kein Marathon?

„Eine Überraschung hab ich noch für dich – um den Abend abzurunden… wart’s ab.“ Er nimmt dabei meine Hand und tätschelt sie sanft. Oh Gott – ich bin MÜDE, mir ist KALT und ich hab viel zu wenig gegessen, vermutlich bin ich unterzuckert und deshalb so genervt. Ich fühle mich komplett undankbar. Kurz frage ich mich, ob er wohl was ganz Schlimmes angestellt hat um mich dermaßen „verwöhnen“ zu wollen…

 

Wir bleiben vor dem Theater stehen und ich sehe dass heute eine Operette läuft und Chris strahlt mich an. So, nun reichts – nein, ich will keiner Frau 3 Stunden beim Leiden zusehen und dann auch noch in einer Sprache die ich nicht verstehe, untermalt von Musik, die mich nach wenigen Tönen nervt… nein, nein, nein.

Dennoch sitze ich wenig später in unserer Loge umgeben von mir fremden Menschen, allesamt 60 plusplusplus und versuche die Handlung des Stücks zu erahnen. Wie immer zutiefst dramatisch, unverständlich und einfach… ja ich sags… NERVIG. Inmitten einer herzzerreißenden Arie stehe ich wutentbrannt auf und fahre Chris an: „Schatz? Sei mir nun bitte nicht böse, aber… ich STREIKE. Ich muss hier raus! Wir fahren noch am DVD-Verleih vorbei, bestellen uns eine Pizza zu mir nach Hause und kuscheln uns nun auf die Couch. JETZT!“

Ich sehe wie er blass wird – ich glaube er versteht die Welt gerade hinten und vorne nicht mehr.

„Aber… ich hab doch alles so schön geplant?“

„PSCHHHHHHHHHHT!“ faucht mich die weißhaarige Dame vom Nachbarstuhl an. Ich werfe ihr einen vernichtend giftigen Blick zu und widme mich meinem Freund.

„Ja,  hast du… aber… das war ein Valentins-Triathlon. Ich bin fertig – ich mag nicht mehr – ich KANN nicht mehr.“

 

Er beginnt zu lächeln nimmt mich bei der Hand und verlässt mit mir das Theater. Noch bevor wir zu Hause angekommen sind hab ich bereits im Auto eingeschlafen… ich musste einfach meine Augen kurz… rasten lassen. 


Shoe for you

 

Nora blickte auf die Uhr… nur  noch 25 min, dann war auch dieser Arbeitstag endlich zu Ende.

Heute war wirklich viel los gewesen und sie hatte absolut keinen Nerv mehr irgendeinem Kunden Schuhe rauszusuchen, Strümpfe zu bringen oder einen Schuhlöffel zu reichen. Die Kinder waren heute allesamt garstig gewesen und hatten teilweise das Geschäft verwüstet.

Verärgert ordnete sie wieder alle Kartons ein, als erneut die Glocke an der Eingangstür zu bimmelte. Sie blickte auf und sah einen Mann im Anzug vor sich stehen mit einem weiteren Mann im Schlepptau.

„Guten Abend! Kann ich Ihnen behilflich sein, oder möchten Sie sich zuerst selbst ein wenig umsehen?“ Sie versuchte so freundlich wie möglich zu klingen.

Oberflächlich blickte er über die Auswahl. „Ich hab eigentlich nicht viel Zeit, ich brauche schwarze Schuhe für einen Smoking, Größe 44.“

Nora ärgerte sich über die präpotente Art des Mannes, ein bitte wäre schon mal ein feiner Zug gewesen. Außerdem fühlte sie sich besser, wenn ihr jemand „die Ehre“ erwies und ihr zumindest in die Augen blickte. Naja – heute war wohl einer dieser Tage, die nicht besser wurden.

„Selbstverständlich. Einen Moment bitte.“

Die beiden Männer hatten ihr gar nicht mehr zugehört, als sie sich in die Männerabteilung aufmachte, sondern waren in einem geschäftlichen Gespräch vertieft. Einer der beiden tippte ganz wichtig auf dem I-Phone herum.

Hinter ein paar anderen Kartons, fand Sie noch genau ein Paar glänzender Anzugschuhe im Regal. Erleichtert, mit einem selbstbewussten Lächeln auf den Lippen, überreichte sie den Schuh.

„Nun ja, wenn es keine Alternative gibt, dann muss auch DAS passen.“ War der einzige Kommentar des Schnösels.

Nora stand der Mund offen, sie war wirklich entrüstet. Klar, hier wurden nicht gerade die feinsten italienischen Herrenschuhe verkauft, aber die Qualität war mit Sicherheit tiptop.

So eine Bemerkung hätte er sich getrost sparen können.

„Und das ist auch wirklich eine normal geschnittene 44?“ Er blickte sie arrogant an.

Nora drehte den Schuh auf die Sohlenseite, zeigte mit dem Finger auf die 44 und bejahte es leicht schnippisch. „Wollen Sie ihn denn nicht anprobieren?“

„Nein, keine Zeit. Gleich zur Kasse.“ Schon eilte er die wenigen Schritte zum Tresen.

Kopfschüttelnd packte Nora den zweiten Schuh in den Karton – heute würde sie sich wohl eine Flasche vom GUTEN Rotwein aufmachen um den Tag hinunter zu spülen.

„125 Dollar bitte.“

Er zückte eine Kreditkarte ohne weiters darauf zu reagieren.

„Paul, wir fahren nun direkt ins 4 Seasons zurück, dann ziehe ich mich um und Sie bringen mich zur Veranstaltung.“ Wies er den zweiten Mann an, scheinbar ein Angestellter, denn dieser nickte nur untertänigst und antworte: „Natürlich Sir.“

Kaum hatte er seine Unterschrift auf den Beleg gesetzt, drehte er sich um und verließ das Geschäft.

Paul nahm die Tasche mit den Schuhen, fasste sich höflich an den Hut, nickte dabei und folgte eilig seinem Chef.

 

Ein Blick auf die Uhr reichte um zu sehen, dass der Feierabend mit großen  Schritten näher rückte. Nur noch knapp 5 min.

Sie wollte nur noch schnell die Kartons in der Herrenabteilung einräumen und dann auch langsam abschließen. Gerade als sie die letzte Packung in die Hand nahm, fiel ihr diese zu Boden. Sie nahm beide Schuhe in die Hand und stutzte kurz – irgendwie sah es aus, als ob die ungleich groß waren. Ein Blick auf die Sohle reichte um zu sehen, dass es sich einmal um eine 42 und einmal um eine 44 handelte. Es dauerte einen Moment bis ihr bewusst wurde, dass der Schnösel nun vermutlich auch 2 verschiedene Schuhgrößen in SEINER Packung hatte. Kurz zuckte Sie mit den Schultern. Das kam davon, wenn man sich nicht die Zeit nahm um anzuprobieren. Stimmte doch. Das war nun wirklich nicht mehr ihr Problem. Sie würde jetzt noch Kassensturz machen, das Licht abdrehen und zusperren. Er würde schon noch irgendwo ein passendes Paar finden, wenn er unbedingt wollte. Sollte „Paul“ (was sie übertrieben hochnäsig betonte in Gedanken) noch welche organisieren. Andererseits hatte er sie extra gefragt, ob es sich um die gewünschte Größe handelte und sie hatte ihm schnippisch geantwortet. Was würde er von ihr halten, wenn er sah, dass er nun 2 verschiedene Schuhe in seinem Karton hatte. Wobei, konnte ihr eigentlich egal sein, denn diesen Mann würde sie nie wieder sehen. Dennoch machten  sich Schuldgefühle in Nora breit. Oh Gott, wie sie dieses Gefühl hasste. Ihre Mutter war Meisterin darin gewesen ihr dieses zu vermitteln.

Sie wusste doch nicht mal wie er hieß und wo er zu finden war. Also, Fall abgeschlossen.

Doch, Moment. Er erwähnte das 4 Seasons, das war nur wenige Blocks entfernt… außerdem hatte er mit Kreditkarte bezahlt und mit viel Glück konnte man einen Namen entziffern. Verdammt. Ach ein Versuch war es wert.

Sie holte die letzte Quittung hervor und tatsächlich konnte man ein Andrew und irgendetwas mit „B“ entziffern. Kurz zögerte Nora noch, denn eigentlich hatte sie sich wirklich auf ihren Feierabend gefreut. Aber das war eben noch der persönliche Kundenservice – ok, ok, vermutlich war sie ja selbst schuld, denn irgendjemand musste die Schuhe ja in die falschen Kartons verpackt haben.

 

Nachdem sie zweimal abgesperrt hatte, machte sie sich, mit einer Tasche unterm Arm, auf den Weg zum 4 Seasons. Sie trat ein in eine riesige Empfangshalle – WOW – wie schön das aussah. Sie konnte sich kaum satt sehen von all der Pracht und den warmen Farben und den riesigen Kronleuchtern. Es fand reges Treiben in dieser Halle statt, man konnte die unterschiedlichsten Sprachen wahrnehmen. Das hatte sehr viel Flair.

Nora begab sich in Richtung Rezeption, wo ein ebenso schnöseliger Angestellter sie von oben herab begutachtete. Ja, für dieses Klientel war sie vermutlich zu underdressed, aber sie wollte ja auch nicht einchecken sondern nur was abgeben.

„Guten Tag – wie kann ich Ihnen helfen?“ Ein aufgesetzter britischer Akzent schlug ihr entgegen, oh den hatte sie schon gefressen.

„Ich hab ein Problem. Ein Gast aus Ihrem Haus, war bei mir im Laden und… können Sie mir sagen in welchem Zimmer Mr. Andrew…. B…“ Sie holte die Quittung heraus und reichte Sie dem Concierge. Dieser setzte ein wissendes Lächeln auf.

„Oh, Sie sind ja einfallsreich – das muss man Ihnen lassen… nein, ich darf Ihnen diese Auskunft natürlich nicht geben. Unsere Gäste – speziell wenn es sich um prominente Gäste handelt, die auf unsere Diskretion vertrauen – werden hier geschützt. Tut mir leid. Vielleicht warten Sie einfach am Ausgang und versuchen Ihr Glück.“ Dabei zwinkerte er ihr zu. Nora fühlte sich wie ein dusseliger Fan oder Groupie, sie hatte doch nicht mal eine Ahnung wer der Kerl war. Prominent – Nora hatte ihn nicht wiedererkannt, was vielleicht auch daran lag, dass sie ihn gar nicht so richtig angesehen hatte.

„Aber er braucht diese Schuhe – bessergesagt er HAT diese Schuhe aber zwei verschiedene Größen im Karton. Verstehen Sie doch. Ich bin kein Fan von Mr. B… wie immer er auch heißen mag.“

Wieder zwinkerte er ihr so wissend zu. „Natüüüürlich Miss.“

Langsam wurde Sie echt stinksauer.

„Können Sie ihn wenigstens anrufen, ich weiß, dass er diese Schuhe braucht!“ Ihr Plan war es so lange nicht von der Rezeption zu weichen bis er ihn erreicht hatte. Nora zog eine Augenbraue giftig hoch. In Gedanken schwirrte ein „Noch ein Wort mein Lieber und dann zieh ich dir deinen beschissenen Anzug rektal durchs Nasenloch heraus!“

Doch er vertiefte sich in seine Unterlagen, die vor ihm lagen und ließ Nora links liegen. Sie drückte genervt auf die Klingel, die auf dem Tresen – vermutlich eher dekorativ – platziert war.

„Miss, wenn Sie nun nicht freiwillig gehen, sehe ich  mich gezwungen die Security zu holen.“ Sein Tonfall war leise aber richtig ernst.

Gut – sie hatte es versucht, mehr konnte Nora nicht tun, das war jetzt nicht mehr ihre Schuld, dass der Schnösel nun bei einem Fuß die Zehen einziehen musste. Auch gut – Nora konnte mit ruhigem Gewissen nach Hause gehen.

„Sie machen ja SO einen Fehler!!!!“ mit dieser Bemerkung und erhobenem Finger, ließ sie den Concierge stehen und wandte sich in Richtung Ausgang. Moment – der Kerl kam ihr bekannt vor, das war doch….

„Paul!!!! PAUL!!! Warten Sie!!! Huhuuuuuuu!!!!“ Nora riss ihre Hände in die Höhe und erregte genügend Aufsehen, dass auch besagter Paul zu ihr herüber blickte. Er wirkte verdutzt. Meine Güte, wie oberflächlich diese Leute doch waren, er konnte sich  nicht mehr an sie erinnern obwohl er 20min zuvor noch in ihrem Laden stand. Also hielt sie die Tüte mit den Schuhen in die Höhe und eilte zu ihm.

„Sie waren vorhin in meinem Laden – es sind leider unterschiedliche Schuhe im Karton.“

Langsam dämmerte es ihm und er konnte Nora wohl wieder zuordnen und sie – vorläufig – als ungefährlich einstufen. Mit ihm würde sie sich auch NIE anlegen wollen, der war eine richtige Kante mit breiten Schultern und er hatte sicher genügend Tricks drauf einen unschädlich zu machen.

„Ich danke Ihnen Miss… ich werde meinem Boss die Schuhe geben. Das war sehr aufmerksam von Ihnen.“

Nenene… so lief das sicher nicht. Das Paar kostete über 100.- Dollar und sie schenkte ihm nun sicher nicht das zweite Paar einfach so.

„Ich begleite Sie und nehme die kleineren Schuhe dann mit.“ Nora blickte ihn bestimmend an. Zuckte mit dem linken Auge, das war ihr Zeichen von absoluter Sturheit. Dies schien er wohl zu bemerken. Mit einer Handbewegung verwies er sie in Richtung Aufzug. Na bitte, ging doch.

Er steckte den Schlüssel zur Freigabe und drückte auf das oberste Stockwerk – wow Penthouse. Der Kerl musste ECHT Kohle haben.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis sie oben angekommen waren. Die Türe ging auf und Nora’s Augen weiteten sich vor Überraschung. Das war RIEEEEESIG – als ob man erneut im Foyer des Hotels gelandet wäre. Ein überdimensionales Wohnzimmer tat sich vor ihnen auf, mit einer Aussicht die Ihresgleichen suchte. WOW!!! HAMMER!!!

Nora wollte sich natürlich nichts anmerken lassen, also versuchte sie die Welterfahrene raushängen zu lassen, was ihr sicher nicht gelang, aber der Wille zählte. Sie betrat den Wohnraum – oh mein Gott, in diesem kuscheligen Teppich versank man ja – am liebsten hätte sie sich auf den Boden geworfen und in diese Kostbarkeit gekuschelt.

„Paul, da sind Sie ja – ich habe schon gewartet… oh…“ Auftritt von rechts – ein Mann in Smokinghose, offenem weißen Hemd, der sich gerade die Manschettenknöpfe ansteckte. WAS für ein Anblick!

„Ähm… ich … hab Schuhe…“ eine dämlichere Aussage war Nora auf die Schnelle nicht eingefallen – treudoof lächelte sie dazu und schwenkte die Tasche vor ihrem Körper hin und her.

Langsam kombinierte er worum es ging und nahm seinen Karton aus der Tasche. Tatsächlich war es so gewesen, dass zwei verschiedene Größen im Karton waren.

Doch anstatt sich für ihre Mühe zu bedanken, schnauzte er sie feindselig an. „Das war Ihr Fehler, das wissen Sie? Tssss… sowas ist mir ja noch nie passiert. Stellen Sie sich vor, ich hätte mit diesen Schuhen zur Premiere gehen müssen. Kaum auszudenken.“

Im Hintergrund hörte Nora ein Telefon klingeln, war aber zu wütend um darauf zu achten, was Paul dem Anrufer so aufgeregt mitzuteilen hatte.

„Nun hören Sie mal – bleiben Sie am Teppich. Ich bin in meiner Freizeit hierher gekommen um das zu korrigieren, ja? Das Mindeste wäre ein DANKE – Sie… Sie… SCHNÖSEL!“ Nora war auf 180! Noch so ein potentieller rektal-Kandidat!!! Sie schnaubte innerlich vor Wut.

Paul trat näher und flüsterte seinem Boss etwas ins Ohr.

„Verdammt. Und das ließ sich nicht verschieben?“

Paul zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Es tut mir leid, ich hab nur diese Information.“

Lange blickte der Schnösel Nora an – prüfend, fragend, bewertend!?

Sie trat unsicher vom einen Bein aufs andere.

„Welche Konfektionsgröße tragen Sie?“

Hallo? Sowas fragte man eine Frau doch nicht. Sie verschränkte ihre Arme bockig vor der Brust.

„Es tut mir leid – ok? Ja, ich bedanke mich aufrichtig, dass Sie in ihrer knappen Freizeit extra hierher spaziert sind und mir NETTERWEISE die EIGENTLICH gekauften Schuhe vorbei zu bringen. Besser so?“

Nun tippte sie noch genervt mit einem Fuß am Boden.

„Hören Sie… ich soll in 30min auf meiner Filmpremiere sein und meine Begleiterin hat soeben abgesagt. Ohne aufzutauchen wäre aber gesellschaftlicher Selbstmord. Sie sehen… nett aus. Deshalb frage ich Sie, ob Sie vielleicht Zeit haben und sich so ein Ereignis ansehen möchten. Davon können Sie ihren Enkeln noch erzählen!!!“

Was war denn DAS für eine Wendung in dem Spiel? Nora blickte ihm direkt ins Gesicht – sie hatte nach wie vor absolut keine Ahnung wer der Kerl war. Filmpremiere – den hätte sie doch kennen müssen, oder? Filmpremiere – in ihrem Kopf wiederholte sie das Wort. Klang verlockend. Kurz wägte sie ab, was sonst auf dem Plan für heute Abend stand… Tiefkühllasagne… und irgendeine Doku.

„Kommen Sie, geben Sie sich einen Ruck – Brad und Angelina sind vermutlich auch da!“

„Ich hab aber leider kein passendes Kleid parat.“ Antwortete sie nur schnippisch.

Er setzte ein schiefes Lächeln auf. „Sie haben doch sicher in der Lobby diesen kleinen Laden gesehen, der unverschämt teure Abendkleider ausgestellt hat?“

Oh ja, das hatte sie wirklich. Ihre Augen fingen zu glänzen an… konnte sie denn das wirklich so… einfach so… machen? Sie blickte ihn skeptisch an.

„Ich SCHWÖRE ich werde Sie weder anfassen noch mit irgendwelchen gängigen Drogen gefügig machen – ich bitte Sie nur, mir erneut aus der Klemme zu helfen.“

Nora begann zu lächeln… was für ein Abenteuer… möglicherweise das Abenteuer ihres Lebens.

„Paul besorg mit ihr ein schönes Kleid und sag im Kosmetiksalon noch schnell Bescheid, dass sich jemand um das Äußere kümmern soll.“

Paul legte seine Hand in Noras Rücken und begleitete sie Richtung Aufzug. Sie ignorierte

diese Bemerkung vom Schnösel bewusst, denn die war SICHER nicht so gemeint gewesen…

 

WER hätte gedacht, dass sich dieser Abend noch in so eine Richtung entwickeln würde… das Leben hatte wahrlich oft interessante Wendungen parat…

 

 

DER   GANZ   NORMALE   WAHNSINN!

 

„Liebling, Post ist gekommen, ein Brief von deiner Familie an uns.“

„Nein, lass ihn zu! Mach ihn auf keinen Fall auf!!!!“ meine Stimme überschlägt sich hysterisch, ich bin noch zwei ganze Räume von meinem Freund entfernt, mein Gott hoffentlich hört er nur ein einziges Mal auf mich!

„Oh toll, wir sind auf die Geburtstagsfeier deines Großonkels Paul eingeladen, in zwei Wochen ist es soweit. Ich freu mich endlich mal alle so geballt kennen zu lernen!“

Mein Kopf sackt nach unten. Nur noch wenige Schritte und ich hätte ihm das Kuvert aus der Hand gerissen, aber nun war es zu spät. Tom war mein bester Freund, mein fester Freund, mein Wohnungs- und Lebenspartner und ich liebe ihn von Herzen, doch er hat ABSOLUT keine Ahnung WIE das mit meiner Familie so läuft und WORAUF er sich gerade eingelassen hat.

„Was ist denn los Liebling, warum zuckt denn dein linkes Auge so nervös? Hast du schon eine Ahnung was wir ihm schenken sollen? Was macht er denn gerne?“

„TOM! Ich hatte doch gesagt, lass ihn zu! Denn wenn ich es nicht gelesen hab, dann hätte ich ohne Probleme sagen können ich wusste nichts davon. Doch nun kann ich meine Familie nicht anlügen...“ Ich seufze laut auf „und nun MÜSSEN wir zu dieser verdammten Feier fahren!“ Ich werfe ihm noch einen giftigen Blick zu.

„Ach was, komm schon, das wird bestimmt nett! Du erzählst doch immer so lustige Anekdoten von deiner Familie und endlich bekommen diese Menschen ein Gesicht für mich. Also ich freu mich!“ Er küsst mich auf die Nasenspitze und geht pfeifend in die Küche um einen Kaffee für uns herzurichten.

„Du armer, ahnungsloser Tropf…“  ich schüttel meinen Kopf, denn ich habe gerade ein genaues Bild vor mir wie sich das alles abspielen wird, aber bitte, er will es ja auf die harte Tour!

 

Da wir einige Stunden von meinem Zuhause entfernt wohnen haben wir uns entschlossen bereits einen Tag vorher anzureisen. Wir betreten die Eingangstüre, an der Garderobe hängen mehr Jacken als üblich, sofort ist mir klar, dass der Großteil der Familie anwesend sein wird. Einmal ruhig durchatmen, dieses fiese Stechen in der Magengegend bezwingen und ein leises „Hallo“ in den Raum werfen. Sekunden später vernehme ich bereits Fußgetrappel. Meine Nichten Simone und Tamara stürmen auf uns zu und reißen mich beinahe um, als sie mich umarmen. „Tante Melly, Tante Melly! Hast du uns was mitgebracht? Oi, wer ist denn das?“ Sie rücken einen Schritt von mir ab um Tom genauer unter die Lupe zu nehmen. „Der sieht aber nicht so süß aus wie dein letzter Freund. Hast DU uns denn was mitgebracht?“

„Also Kinder, nun hört mal…“ entsetzt über die Dreistigkeit der 5 und 6jährigen versuche ich  Tom aus der Schusslinie zu bringen.

„Keine Sorge, natürlich hab ich für so kleine Schönheiten etwas Passendes dabei.“ Und schon zückt er zwei Mädchenzeitschriften mit stylischem Lipgloss hervor und zaubert den Beiden ein dickes Lächeln ins Gesicht. Ich staune über so viel Voraussicht, normalerweise krame ich in meiner Jackentasche und finde noch alte Bonbons oder Kaugummi die ich ihnen dann schnell in die Hand drücke. Anerkennend mustere ich ihn von der Seite. Die beiden Furien greifen sich die Zeitschriften, stoßen noch ein schnelles „Cool, danke.“ aus und verschwinden in der Versenkung.

Schon kommt meine Mutter auf uns zu mit weit ausgebreiteten Armen umschließt sie zuerst Tom – ich bin ja schließlich NUR ihre Tochter, die sie seit sage und schreibe 3 Monaten nicht mehr zu Gesicht bekommen hat – ihre Jüngste, ihr Augenstern… ich meine… HALLO?

„Du musst Thomas sein!“ Schon drückt sie ihm einen Schmatz auf die rechte Wange und herzt ihn an ihrem üppigen Busen. Eine dicke Parfumwolke umgibt uns plötzlich alle. „Du siehst viel besser aus als ich mir vorgestellt hatte – Melly du hast ihn am Telefon total unter Wert verkauft!“

Leicht verletzt blickt er mich an und ich schüttel energisch den Kopf in der Hoffnung, dass er den Zusammenhang versteht, denn mein Schütteln soll übersetzt so viel heißen wie: „Glaub mir sie redet Stuss, ich hab nur in den höchsten Tönen von dir geschwärmt, ich finde dich unglaublich attraktiv und sexy! Ich will sofort ein Kind von dir!“

„Hallo mein Mädchen, schön dass ihr es geschafft habt – uh, wie ich sehe stehst du gut in Futter?“ Schon kneift sie mich in meine Hüfte und zwinkert Tom verschwörerisch zu. „Du kannst sie ruhig ein wenig herum jagen, damit sie Kalorien verbrennt. Du hättest sie als Teenager sehen sollen, mein Gott, ihr Hinterteil war monströs, wenn sie rückwärts auf einen zukam, haben wir immer alles aus dem Weg räumen müssen – am liebsten hätten wir ihr eine Rückfahrkamera angebracht.“  Sie lacht laut auf.

Eigentlich hatten wir uns geeinigt, dieses Thema unter den Mantel des Schweigens zu legen, zu all den anderen Peinlichkeiten meiner Jugend. Ich ziehe eine Schnute, schlüpfe aus meinen Schuhen, schnappe Tom an der Hand und beschließe die Höhle des Löwen zu betreten. Wie viele wohl schon da sind… langsam tasten wir uns vor… einen Schritt nach dem anderen, nur keine hektischen Bewegungen, wir wollen sie schließlich nicht erschrecken.

„Ahhhhhhhhhhh!“ Laut kreischt meine Schwägerin Laura auf – HIMMEL, ich bin ganz geschockt, sie ist ja schon wieder schwanger! Mit ihrer üppigen Kugel voran schwankt sie auf uns zu. Die geblümte Kochschürze krönt das Bild der perfekten Hausfrau optimal ab. Laura kann nämlich alles – sie gebärt als ob es einen Preis für die Häufigkeit geben würde, verschont uns danach auch nicht mit detailgetreuen Beschreibungen des Vorgangs und schmeißt locker Haushalt, Kinder, und ein kleiner Job im örtlichen Bioladen. Meine Mutter ändert stets ehrfürchtig die Tonlage wenn sie von ihr spricht. Ich persönlich halte sie für eine dämliche Pute, die meinem Bruder in jungen Jahren zu massig Sex verholfen hat und nun ist er eben in der Schlinge gefangen. Als sie mich umarmt zuckt sie kurz zusammen. „Uh, dein kleiner Neffe tritt nach dir Mellylein!“ Sie ist die einzige die mich SO nennen darf, aber nur, weil ich nicht den Mut aufbringe ihr die Meinung zu sagen, dass ich ihre Verniedlichungen für sämtliche Personen und Gegenstände blöde finde. „Sag schön Hallo zu unserem Familienzuwachs, komm schon, unser Babylein kann dich hören, du musst dich nur hinunter beugen und kannst es ihm direkt sagen.“ Hilfesuchend blicke ich zu meiner Mutter, doch da es sich um Laura handelt, nickt sie mir aufmunternd zu. Ich blicke als nächstes zu Tom und hoffe insgeheim, dass er mich bei der Hand schnappt und entsetzt aus dem Haus flüchtet, doch stattdessen beugt er sich hinab und spricht mit beruhigender Tonlage auf das Rosenmuster der Schürze ein.  Schon kommt auch mein scheinbar äußerst potenter Bruder um die Ecke, klopft mir mit einem lauten Knall auf den Hintern – wie er es schon immer bei mir gemacht hat. „Melly, du solltest wirklich mal trainieren anfangen!! Langsam brauch ich zwei Hände um eine Backe bei dir zu erwischen!“ Mit dem offiziellen Männergruß – ein Finger in die Höhe und leichtes Kopfnicken – wird Tom von ihm für gut befunden. Hinter mir laufen die Mädchen vorbei und wischen dabei ihre glossbehafteten Hände an meiner weißen Leinenhose ab – Prima! Oh wie ich solche Besuche liebe! Sofort stürzen sie sich auf Tom, der die beiden zu kitzeln beginnt. Laura stimmt mit ihrem hysterischen Gelächter mit in das Szenario ein, ich bin kurz vor einem  Migräneanfall!

„Mama? Wo ist denn Papa? Ich würde ihn gerne begrüßen!“ ich versuche das Gequieke und Gelächter zu übertönen. Meine Mum zeigt mit dem Finger ins Nebenzimmer. Dort verkriecht er sich liebend gerne. Wir sind uns beide ziemlich ähnlich. Manchmal hab ich das Gefühl, dass ich so gar nichts von der Seite meiner Mutter hab, als ob Papa und ich wie Aliens in die Familie hineingestoßen worden sind, ohne Betriebsanleitung, und wir stets versuchen damit zurecht zu kommen, ohne größere Schäden am Motor zu verursachen. Dieses nervenaufreibende Stimmengewirr verfolgt mich noch die nächsten Schritte bis ich die Türe ins Arbeitszimmer hinter mir schließe. Ich atme einmal tief durch – und noch einmal – nur sicherheitshalber.

„Na?“ Mein Vater ist kein Mann großer Worte, doch aus diesen zwei Buchstaben kann ich alles herauslesen, auch ihm graut stets vor diesen Familienfesten… also folgt ein „Nicht wahr?“ von mir  mit aussagekräftiger Kopfbewegung als Antwort. Woraufhin er ein „Hm…“ entgegenhält. Oh ich kann ihn ja so verstehen. Also kontere ich mit einem „Tja…“ und einer ausladenden Geste. Ich höre ihn tief einatmen. Es liegt so viel Weisheit in seiner Ausstrahlung. Er richtet sich seine Hornbrille und senkt seinen Kopf um wieder in einem dicken Schmöker weiter zu lesen. Manchmal tut es einfach gut sich auszusprechen. Ich fühle mich gleich viel leichter und verstanden. „Bis später Papa!“ Ich drücke ihm einen Kuss auf seine Halbglatze und stürze mich wieder ins Getümmel. Gerade als ich zur Türe hinaustrete laufen die Mädchen an mir vorbei, die hintere der Beiden erwische ich noch mit einem Bein und sie kommt ins Straucheln und knallt mit dem Oberarm gegen den Türrahmen des Badezimmers. Millisekunden darauf folgt eine Sirene die einem durch Mark und Bein geht, klar hat das Kind Schmerzen, das will ich ja gar nicht abstreiten, aber MUSS das denn sein? Weitere Millisekunden später stehen Laura und mein Bruder Michael neben mir, strafen mich mit einem verachtenden Blick und brüllen mich an: „Melly, kannst du nicht aufpassen – du weißt doch dass Kinder hier herumtollen. Ich kann nicht glauben wie egoistisch du manchmal bist! Oh…. Komm her Schatzilein, Mama pustet dir ein wenig auf dein Aualein, dann wird alles gleich wieder besser.“ Wieder trifft mich ein giftiger Blick. „Prima Melly, das wird ein riesiger blauer Fleck – wie sieht denn das aus, wenn sie morgen ihr hübsches Kleid anzieht? Manchmal frage ich mich ob du überhaupt denkst!“  Die kleine Tamara hat sich mittlerweile wieder gefangen und streckt mir die Zunge heraus, bevor sie erneut theatralisch zu schluchzen beginnt. Sogar meine Mutter stimmt mit ein: „War denn das wirklich nötig Melanie?“

„Aber…. Ich…“ ich zucke nur noch unbeholfen mit meinen Achseln, was war denn HIER LOS? Tom steht plötzlich hinter mir und nimmt mich in den Arm. Diese Geste tut gerade so gut. Ich möchte am liebsten nur noch raus! Weit weg von hier!

„Deine Familie ist so klasse, Liebling! Ich fühle mich so richtig wohl!“ Oh Gott, wer bist du und was hast du mit meinem Freund gemacht? Völlig entsetzt starre ich ihn an – er wurde… infiltriert! Ich bin den Tränen nahe. Gerade erst eine Stunde ist in diesem Irrenhaus vergangen… 60 lausige Minuten!

„Es tut mir leid – ich glaube ich gehe ins Bett – ich… hab Kopfschmerzen. Seid mir nicht böse.“ Ohne eine richtige Antwort abzuwarten gehe ich in den zweiten Stock und schließe die Türe hinter mir. Noch einige Male nehme ich das hysterische und aufgesetzte Lachen meiner Schwägerin wahr. Tom scheint sich prächtig zu amüsieren, er findet nicht mal Gelegenheit nach mir zu sehen. Irgendwann bin ich in meinen Klamotten eingeschlafen, als ich wach werde ist es gerade 2 Uhr früh und mein Freund liegt neben mir und atmet ruhig. Nur noch ein Tag – dann ist alles wieder vorbei…

Am nächsten Morgen werde ich von Geschirrklirren geweckt – die letzten Vorbereitungen vor der Familienfeier – die IMMER im Garten meiner Eltern veranstaltet wird – laufen auf Hochtouren. Auch ich werde meine Pflicht erfüllen müssen und mich integrieren – vielleicht helfe ich beim Tischdecken, weit weg von allen.

Ich betrete dich Küche und erstarre sofort zur Salzsäule. Dort finde ich meine Schwägerin vor wie sie durch die Küche hetzt. Ein leeres Blech in der rechten Hand, ein volles in der linken, jongliert sie diverse Gebäcksorten herum. Ihr Haar ist zerzaust, eine Mehlspur ziert ihr Gesicht, ihre Augen sind verquollen, überall auf dem Fliesenboden sind Reste vorzufinden. Es sieht aus wie auf einem Schlachtfeld.

„Mellylein! Untersetzer!“ bösartig brüllt sie mich an – ich bin doch gerade erst aufgestanden und kann mit diesem Bundesheerton noch gar nichts anfangen vor der ersten Tasse Kaffee. Doch bevor ich den dritten Weltkrieg hervorrufe suche ich eilig nach einem passenden Untersetzer für ihr Blech. Es duftet köstlich in der Küche, das muss ich zweifelsohne zugeben. „Verdammte Scheiße – wieso ist dieser Kümmel nicht gemahlen? Ist es zu viel verlangt dass man die Produkte auch so bekommen möchte wie man sie bestellt. Verflucht nochmal, ich könnte Kotzen!“  Mit offenem Mund starre ich sie an – hat sie das nun wirklich gesagt? Noch nie im Leben hab ich sie so fluchen gehört. Ich versuche ganz ruhige einen Schritt nach hinten zu machen – aber da hat sie mich erneut ins Visier genommen. Wie ein gehetztes Tier gehen ihre Augen hin und her. Ich selbst checke die Küche nach Messern ab, langsam macht sie mir Angst. Sie streift sich die lose Strähne mit einem Finger aus dem Gesicht, mit dem Ergebnis, dass ihr Brotteig darin kleben bleibt. „Du… ähm… hast da…“

„WAS? WAS willst du mir sagen Melly? Hm? Darauf wäre ich nun WIRKLICH mehr als gespannt wobei DU mir nun einen Rat geben könntest. Hol mir deinen verfluchten Arsch von Bruder in die Küche, er soll sich gefälligst um die Mädchen kümmern, denn es sind schließlich auch SEINE Kinder, ja? Ich kann nicht alles machen!“ Ich hab nur noch darauf gewartet, dass sich ihr Kopf einmal rundherum drehen wird, denn es war wie die Szene in einem Horrorfilm. Auf einmal war aus der liebenden Hausfrau und Mummy eine… bösartige Furie geworden. Plötzlich sackt sie auf dem kalten Fußboden zusammen und beginnt hysterisch zu Heulen. „Hast du gesehen, was ich schon alles gemahaaaacht hab? Der Tisch biegt sich beinahe schohooooon… aber dankt es mir jemand?“ Mit ihren verheulten Augen sieht sie mich an und wartet auf eine Reaktion, also antworte ich mit fragendem Ton: „Ähm… nein?“ Oh gut, scheinbar die richtige Antwort. „Duhuuuuu bist die einzige die mich versteht… weißt du eigentlich wie lihiiiiiiiiieb ich dich hab?“ Ahhhhh, Hilfe! Ich krieg nun richtig, richtig Angst – sonst ist hier doch auch ständig jemand herum – warum jetzt nicht? In dem Moment bemerke ich, wie Laura ihre Schniefnase in meine Schulter reibt – so nun ist aber Schluss mit Mitleid. DAS war nun zu viel!

„Laura ich glaube deine Croissants brennen gleich an – ich riech was.“

Noch bevor sie mir mitteilen kann, dass IHR sowas nie im Leben passieren würde bin ich zur Türe hinaus, ich pfeife meinem Bruder zu und sage mit süffisantem Ton, dass seine ihn liebende Ehefrau nach ihm begehrt, schnappe mir die Teller und das Besteck und decke im Garten die Tafel auf. Endlich ist es Nachmittag, die ganze Familie ist anwesend, sie scharen sich regelrecht um Tom und er begeistert sie der Reihe nach mit seinem Charme. Dieser Mann ist mir gerade fremd – zu Hause lässt er seine Socken liegen, kratzt sich ungeniert am Hintern, rülpst wenn er einen Schluck Bier intus hat und grölt zu Fußball – doch hier der Gentleman schlechthin.

Großonkel Paul bedankt sich mit einer viel zu langen Umarmung bei mir für seinen Delikatessenkorb und flüstert mir zu: „Du warst schon immer meine Lieblingsnichte.“ Als ich daraufhin erwähne, dass ich eigentlich GAR nicht seine Nichte bin, zwinkert er mir zu, sagt lachend „Umso besser!“ klopft mir bei Gehen auf den Hintern und nimmt das nächste Geschenk entgegen. Laura hetzte nach wie vor wie ein aufgescheuchtes Reh durch die Besucher um hier und dort noch am Feinschliff der Speisen zu feilen.  Ich blicke auf die Uhr – Gott sei Dank in einer dreiviertel Stunde geht unser Zug zurück in die Freiheit. Ich pirsche mich an Tom heran, der gerade in einem tiefen Gespräch mit meinem Vater steckt – oh GOTT er spricht!!!!!

„Liebling – du… wir müssen langsam. Ja, ich weiß, schaaaaaade, dass es schon vorbei ist, immer wenn’s am gemütlichsten ist, was?“ Ich drücke meinem Vater einen Kuss auf die Wange zerre Tom von einem Verwandten zum nächsten und verabschiede mich mit aufgesetzt trauriger Miene aus dieser Irrenanstalt. Gerade als wir zur Türe hinausgehen wollen und ich erleichtert aufatme, ruft mir meine Mama noch nach: „Ach Melly-Schatz, nicht vergessen in 4 Wochen ist der 80. Geburtstag deines Großvaters! Dann sehen wir uns alle hier wieder!“ Nach dieser Bemerkung klappt mir der Mund nach unten, sie winkt mir noch zu bevor sie die Stereoanlage voll aufdreht und in die Menge ruft: „LIMBOOOOOOO!“

 

 


DIE   FLUCHT!

 

„Sie sind da Elise!!!“ Mein Mutter stürmt mit entsetzt geweiteten Augen in den Salon. „Wie besprochen, hol die Sachen – wir müssen aufbrechen!“

Stillschweigend geht alles schnell von Statten, die gepackten Koffer werden an die Haustüre gebracht, Mutter holt noch den letzten Familienschmuck aus dem Versteck, den werden wir brauchen um zu tauschen oder einfach gesagt um unser Überleben zu sichern. Als wir unser geliebtes Anwesen verlassen sperrt Mutter wie gewohnt zweimal die Haustüre zu und steckt den Schlüssel ein. Diese routinierte Geste erschüttert mich zutiefst, es wirkt so surreal, da nicht nur mir bewusst ist, dass wir hierher nie wieder zurückkehren werden und diese Leute auch unser Zuhause zerstören, durchwühlen, niederbrennen werden. Wir haben schon einige Berichte aus Nachbarorten gehört und uns ist klar, dass wir verschwinden müssen, denn als Frau bist du nichts mehr wert, du wirst misshandelt, vergewaltigt und man entledigt sich deiner. Vor diesem Schicksal möchte mich meine Mutter um alles in der Welt beschützen, sie würde sich sogar für mich opfern, wenn sie wüsste, es wäre ein Nutzen für mich. Mein Vater starb vor einigen Jahren an einer Lungenentzündung und mein Verlobter Robert ist an der Front in Frankreich  - vermisst seit etwa 4 Monaten…

Wir haben Verwandte irgendwo im Süden, ich glaube in der Nähe von Augsburg – dorthin versuchen wir zu gelangen, doch es ist eine weite Strecke von Ostpreußen bis dorthin. Wir wählen die Route durch unsere Wälder, vorbei an einem idyllischen See, mit dem ich so schöne Erlebnisse verbinde. Wie oft sind wir in den Sommermonaten hierhergekommen um zu baden, mein Vater hat früher hier noch oft gefischt und die Hausköchin hat uns daraus immer  ein delikates Mahl zubereitet. Ich vermisse meinen Vater nach wie vor jede Minute, er war ein herzensguter und lustiger Mensch, der meine Mutter und mich abgöttisch geliebt hat. Sein Tod war ein entsetzlicher Schock für uns – meine Mutter übernahm sofort die Kontrolle über sämtliche Bereiche, sie nahm sich kaum Zeit zu trauern und ließ mich ihren Schmerz auch nie wahrnehmen. Sie ist eine sehr starke Frau die wie eine Löwin kämpft. Dieser Krieg hat uns alle überrascht, wir leben eigentlich weit weg vom Geschehen und dennoch hat uns nun alles eingeholt.  Unser Anwesen gab alles her was wir zum Überleben brauchten, wir hatten Kühe, Hühner, Äcker und genügend Angestellte die uns loyal zur Seite standen. Doch die ersten Anzeichen kamen, wenn auch nur schleichend, die Gefahr wurde immer präsenter. Eines Abends kam meine Mutter in mein Schlafgemach – sie hatte eine ernste Miene aufgesetzt. „Elise, Liebes, du hast doch sicher die Nachrichten in den letzten Tagen verfolgt, der Feind rückt Stück für Stück näher… ich habe bereits angefangen, das Tafelsilber in der Nähe der alten Eiche zu vergraben, damit wir notfalls später davon wieder alles aufbauen können, verstehst du? Zwei Schritte rechts neben der alten Eiche, dort wo deine Schaukel früher angebracht war.“

„Aber Mutter, ich verstehe nicht – warum…“

„Du solltest nie in so eine Situation geraten mein Liebes, aber… der Krieg nimmt nun seinen Lauf und fordert Opfer – ich habe schreckliche Dinge aus Nachbarorten gehört. Wir müssen bereit sein, ja? Pack einen Koffer mit den absolut wichtigsten Sachen die du benötigst, nimm Abschied von unnötigen Gegenständen und lass sie hier. Packe deinen Koffer nicht zu schwer, du wirst ihn sehr viel tragen müssen…“

„Mutter du machst mir Angst!“

„Schhhhh… Elise, wäre die Situation nicht so ernst, würde ich dich damit nicht behelligen. Komm Mädchen, tu was ich dir sage. Vergiss deinen Schmuck nicht und die Silbermünzen die du von deiner Großmutter noch hast – wir werden sie noch bauchen, aber trage sie nicht in deiner Geldtasche, nähe sie in deinen Unterrock ein – nur zur Sicherheit.“ Sie zog ihre Augen verzweifelt zusammen, küsste mich auf die Stirn und verließ mein Zimmer. Dies war einer der schlimmsten Momente in meinem Leben. Ich fühlte mich in unserem Anwesen so sicher, so… behütet – und plötzlich war nichts mehr wie vorher. Schon öfters hatten mich tieffliegende Flugzeuge und ab und an sogar eine Explosion erschrocken.

„Au! Verflixt!“ Vor mir sehe ich meine Mutter am Boden liegen – mittlerweile ist die Dunkelheit eingebrochen und wir irren mehr recht als schlecht durch die Wälder – zuerst Richtung Westen um dort an den Bahnhof zu gelangen, er sollte eine noch halbwegs sichere Reise ermöglichen.

„Ist alles in Ordnung? Bist du über etwas gestolpert?“ Ich packe meine Mutter an den Armen und helfe ihr hoch. Sie hat sich die Schienbeine aufgeschlagen, sie bluten ein wenig. Tapfer streicht sie sich die Haarsträhne, die sich aus ihrer sonst so perfekten Frisur gelöst hat, zurück.

„Es geht schon, los, wir versuchen noch ein paar Kilometer zu schaffen. Ist mit dir alles in Ordnung?“

Ich bin jung und stark und war mit meinem Vater früher viel auf Wanderung in der Natur – ich bin gewappnet, meine Mutter jedoch ist ein zartes Wesen, eine richtige Aristokratin, die stets wohlbehütet gelebt hatte. Sogar der erste Weltkrieg konnte ihrer Familie nicht viel anhaben und durch die Hochzeit mit meinem Vater hatte sie es sich nicht unbedingt verschlechtert.

Etwa zwei Stunden später beschließen wir uns hinzusetzen und ein wenig auszuruhen. Wir haben das letzte Brot noch eingepackt, es ist bereits einige Tage alt und hart. Wir haben unsere Angestellten freigestellt und zu ihren Familien ziehen lassen. Somit waren wir auf uns gestellt. Wir haben die Kühe gemolken, die Eier verarbeitet und uns vorbereitet. Ich breche vom Laib ein Stücken ab und reiche es meiner Mutter, sie schenkt uns inzwischen einen Schluck Wasser ein. Stillschweigend sitzen wir nebeneinander. Niemand ist fähig auch nur einen Ton von sich zu geben – was sollte man auch schon sagen? Niemand wusste was auf uns warten wird. Wie hat der Krieg alles hinterlassen? Wie sieht es mit den Verbindungen aus – leben unsere Verwandten überhaupt noch? Irgendwann bin ich dann kurz eingenickt, in der Dämmerung weckt mich meine Mutter. Wir gehen zum nahegelegenen Fluss und machen uns kurz sauber, damit wir wenigstens unsere Würde behalten.

Am kommenden Abend haben wir völlig erschöpft den Bahnhof erreicht. Es wimmelt nur so vor hysterischen Menschen – niemand scheint noch etwas wert zu sein, es wird gedrängelt, geschrien, einige prügeln sich sogar. Ich sehe verheulte, traurige Kindergesichter die an der Hand ihrer Mutter stehen. Jeder kämpft für sich – jeder hat nur ein Ziel – ÜBERLEBEN! Meine Mutter holt aus einem Versteck ihre Silbermünzen heraus und zieht mich hinter sich her zum Schalter, die lauten Rufe der anderen Anwesenden überhört sie mit stoischer Miene. Wir ergattern zwei Karten die uns bis nach Dresden bringen – es ist nicht gerade unser Ziel aber besser als gar nichts.  Meine Schultern schmerzen vom Tragen des schweren Koffers, meine Füße zieren viele blutige Blasen. Ich bin einfach nur noch erschöpft, doch die Angst treibt mich an nicht aufzugeben. Auch die Haltung meiner Mutter die mit Kalkül alles vorbereitet hatte spornt mich an nicht einzuknicken. Als der Zug einfährt gibt es ein Gerangel, jeder möchte hinein, wir werden für kurze Zeit abgedrängt und es scheint beinahe aussichtslos den Zug betreten zu können. Meine Mutter packt mich fest an der Hand, es tut beinahe weh, so sehr hält sie mich fest. Auf einmal schrecken wir hoch, wir hören einen lauten Knall. Ein Zugschaffner hat einen Warnschuss abgegeben. Für einen Moment stehen alle anwesenden starr vor Angst da.

„Ich bitte Sie meine Damen und Herren! Ich weiß sie alle haben Angst aber seien sie vernünftig. Nur wer ein Ticket besitzt darf diesen Zug betreten!“

„Und was ist mit uns? Sollen wir hier verrecken? Dass uns der Russe den gar ausmacht? Lumpen seid ihr und grausam! Nehmen sie wenigstens die Kinder mit!“

Ich kann die folgende Diskussion nicht mehr weiter verfolgen, da mich meine Mutter in den Zug zerrt. Drinnen herrscht bedrückende Stille. Es wäre noch Platz für einige Passagiere und dessen ist sich jeder bewusst. Einerseits spürt man die Erleichterung, dass man es geschafft hat, andererseits die Ohnmacht und das schlechte Gewissen, weil draußen Menschen der sichere Tod vorausbestimmt ist. Meine Mutter nimmt mich in den Arm und wiegt mich hin und her wie sie es früher auch immer gemacht hat. Diese bekannte Geste entspannt mich ein klein wenig und ich finde wieder unruhigen Schlaf. Langsam weckt sie mich. „Liebes, wir sind da, nimm deinen Koffer.“ Als wir aussteigen ist es mitten in der Nacht es ist extrem unheimlich hier – diese Stille. Sämtliche Menschen gehen lautlos vor sich hin, man vernimmt nicht mal ein Flüstern. Meine Mutter reicht mir ein Stück des Brotes, dass wir uns noch aufbewahrt haben. Ich habe keinen Hunger versuche jedoch bei Kräften zu bleiben. Aus den Augenwinkeln bemerke ich, dass meine Mutter ihre Ration halbiert und den zweiten Teil wieder einpackt.

„Wohin nun?“ ich bin total überfordert und habe absolut keine Ahnung wie es nun weitergehen soll. Augsburg ist noch WEIT entfernt von Dresden – nehmen wir den nächsten Zug?

„Komm, wir gehen in den Waschraum, mach dein Gesicht sauber. Wir sind schließlich von Liehmans und auch wenn wir nun nichts mehr besitzen haben wir unsere Würde.“ Das war meine Mutter – sie war mit sich selbst stets sehr streng und hielt sehr viel auf ihre Abstammung, voller Stolz hat sie mir von den Sonntagstänzchen erzählt die früher abgehalten wurden und von dem leckeren Teegebäck das serviert wurde und alle Frauen waren immer so schön gekleidet.

Als ich aus dem Waschraum zurückkomme, sehe ich, dass keine guten Nachrichten auf mich warten.

„Der Zug ist voll, der Herr am Schalter möchte mir keine Karten mehr verkaufen – dabei hätte ich ihm den goldenen Ring meiner Großmutter geboten. Nichts zu machen. Ich habe jedoch einen Mann aufgetrieben, der uns mit seiner Kutsche mitnimmt. Er sagt, er muss Viehfutter bis nach Hof transportieren, das wäre schon ein Stück, dass wir nicht gehen müssen Elise.“

„Wie du meinst Mutter, ich vertraue dir.“

Glücklich ist sie nicht mit dieser Fügung, das kann ich ihr anmerken. Der Mann sieht auch nicht unbedingt vertrauenswürdig aus – dennoch hievt er uns auf seinen Anhänger, dort sind wir durch eine Überdachung vor der Witterung geschützt. Wir packen die Koffer ganz ans Ende und versuchen auf den Futtersäcken ein wenig Ruhe zu finden. Meine Mutter überreicht ihm den goldenen Ring und grinsend schnalzt unser Chauffeur mit der Zunge um seine Pferde anzutreiben. Durch lautes Geschrei werden wir geweckt. Männer diskutieren brüllend miteinander. Plötzlich hören wir einen Schuss und kurz wird es still. Oh Gott, was ist nur gerade passiert? Ich blicke meiner Mutter angstvoll in die Augen, warte auf eine Reaktion – WAS machen wir nun? Haben sie den Mann erschossen? Hat ER jemanden erschossen? Wir hören mindestens 3 unterschiedliche Stimmen. Meine Mutter reißt mich am Arm, sie hat seitlich die Plane mit ihrem Messer aufgeschlitzt und wir klettern übereilt hinaus. Unsere Koffer mit all unserem Hab und Gut müssen wir da lassen. Neben dem Gefährt ist ein riesiger Busch hinter dem wir uns verstecken können. Wir sehen, dass der Mann leblos auf dem Kutschersitz hängt, Blut tropft über seine schwarzen Schuhe auf den Boden. Am liebsten würde ich laut aufschreien – ich habe sowas  zuvor noch nie gesehen. Ich bin kurz davor mich zu übergeben. Meine Mutter bemerkt dies und drückt meine Hand, sie deutet mir leise zu sein. Wenige Momente später sehen wir Männer in Uniform die sich an der Ladung zu schaffen machen, sie werfen unsere Koffer heraus, zerstreuen die Utensilien in alle Himmelsrichtungen – mokieren sich noch über unsere Unterwäsche die im Wind tanzt. Wir versuchen langsam und ohne ein Geräusch zu verursachen uns von der Truppe zu trennen. Hinter uns liegt ein Waldstück, dessen Schutz wir nutzen werden. Ich hatte keine Ahnung wie gefährlich es für uns werden könnte.

„Elise, hast du die Wertgegenstände in deinen Rock eingenäht wie ich es dir gesagt habe?“

Ich nicke. In dem Moment als sie mich darauf aufmerksam gemacht hatte wusste ich WIE wichtig es war.

„Gut, denn das ist dann noch alle was wir haben.“

Die kommenden Tage versuchen wir uns südlich zu orientieren, wir gehen über Felder, durch Wälder, versuchen soweit wie möglich Menschen auszuweichen. Da es beinahe Sommer ist stehen uns etliche Früchte zur Verfügung die wir gierig hinunterschlingen. Ich bemerke, dass mir meine Mutter immer ein paar mehr aufzudrängen versucht, sie wird sichtlich weniger an Statur – ich sehe es schmerzvoll mit jedem Moment. Wasser trinken wir aus diversen Quellen und Bächen, dass sie nicht unbedingt sauber sind merken wir an unserer Verdauung.

Mittlerweile haben wir es bis Nürnberg geschafft – wir sind komplett ausgezehrt und können uns kaum noch auf den Beinen  halten. Der riesige Bahnhof bietet uns Unterschlupf, wir gehen in den Waschraum und erst dort werden wir uns unseres Zustands bewusst. Wir sehen schrecklich aus, tiefe Augenrinne, etliche Kratzspuren durch die nächtlichen Fußmärsche durchs Gestrüpp, die Haare verfilzt. Plötzlich beginnt meine Mutter bitterlich zu weinen. „Das hab ich nie gewollt…. Ich wollte dir eine schöne Zukunft bescheren, mein Kind. Es tut mir so leid.“ Ich nehme sie in den Arm und wiege sie beruhigend hin und her. Ich kann keine Worte finden, wir wissen, dass es nicht ihre Schuld ist – es ist der Krieg! „Elise, ich möchte, dass du diesen Zettel an dich nimmst, darauf steht die Adresse deiner Verwandten und ein paar Zeilen, die dich als Elise von Liehman zu erkennen geben. Bewahre es gut auf, ich meine es ernst!“

Ich habe überhaupt keine Ahnung mehr welcher Tag ist oder welches Datum wir haben – mir fehlt komplett der Überblick, es ist, als ob nur noch der Überlebensmodus läuft und alles andere wegen zu hohem Energieaufwand abgeschaltet wurde. Ich setze meine Mutter, die mittlerweile beinahe ein wenig apathisch wirkt, auf eine freie Bank und gehe zum Schalter um mich nach einem Zug zu erkundigen. Eine lange Menschenschlange steht vor mir, dennoch läuft es hier relativ gesittet ab. Ein klein wenig entspanne ich mich. Ich habe Glück, da ich ein wenig Bargeld und zusätzlich die Halskette meiner Tante als Anreiz hinlege ergattere ich zwei Tickets die uns nach München bringen werden. MÜNCHEN – ist nur noch ein Katzensprung von Augsburg entfernt. Oh wie sich meine Mutter darüber freuen wird.

Als ich zur Bank zurückkehre, sehe ich, dass meine Mutter eingenickt ist. Sie ist so erschöpft von den letzten Tagen und Wochen, wer könnte es ihr übel nehmen. Ich gebe ihr noch ein wenig Zeit, da ich weiß wir haben noch etwa 2 Stunden bevor unser Zug abfährt. Als ich sie aus dem Augenwinkel beobachte merke ich erst, dass sich ihre Brust nicht bewegt. Erschrocken fahre ich hoch und versuche meine Mutter zu wecken. „Mutter! Mutter! Wach auf!!!! Wir müssen bald los – bitte wach auch! Mach die Augen auf!! Mutter!“

Eine ältere Dame kommt auf mich zu, tastet bei meiner Mutter nach dem Puls und sieht mich mitleidig an. Sie schüttelt dabei traurig den Kopf und tätschelt mir den Oberarm. Ich kann nicht mehr – sämtliche unterdrückten Gefühle der Angst und des Hungers und der Verzweiflung kommen auf einmal hoch. Ich falle auf meine Knie und stoße einen markerschütternden Schrei aus. Hemmungslos lasse ich allem freien Lauf ich habe mich selbst nicht mehr unter Kontrolle. Irgendwann erbarmt sich jemand meiner und versucht mich zu beruhigen. Geistesabwesend halte ich meine Tickets in die Höhe „Aber wir wollten… doch zu… Verwandten…ich… ich“ Ein älterer Herr nimmt mir die Fahrkarten aus der Hand und bringt den Bahnhofsvorstand dazu mir das Geld und den Schmuck wieder zurück zu geben. Kurze Zeit später kommen Uniformierte und meine Mutter wird auf eine Bare gelegt und abtransportiert.

Die folgenden Tage sind wie in Trance abgelaufen – ich kann mich an kaum etwas erinnern. Mein letztes Vermögen, das ich bei mir trug ging für die Bestattung meiner Mutter drauf, sie sollte nicht namenlos in einem Armengrab liegen müssen, das hätte ich mir nie verziehen. Für eine Brosche schnitzte mir ein ansässiger Schreiner ein schönes Kreuz in dem ihr Name eingeritzt war. Eine von Liehman in Nürnberg begraben und nicht in der Familiengruft… wer hätte das jemals gedacht.

Einige Monate vergingen und ich hatte das Glück bei einem Bauernhof als Magd arbeiten zu können – den Umgang mit den Tieren hatte ich von meinem Vater gelernt, auch wenn es nie nötig war, dass ich selbst diese Arbeiten verrichten musste, so wusste ich doch wie es funktioniert. Ich war fleißig – kein Wunder wollte ich mich auch von meinem Schmerz ablenken. Täglich besuchte ich die Grabstätte und legte ein paar Blümchen nieder – ich weinte bitterliche Tränen, denn nun war ich allein… ich hatte niemanden mehr. Außer vielleicht, die Adresse meiner Verwandten in Augsburg hatte ich nach wie vor… vielleicht sollte ich mich auf den Weg machen.

Da ich mich mit den Bauersleuten sehr gut verstanden hatte gaben sie mir, nach Ausbezahlung meines mageren Lohns, auch noch ein wenig an Lebensmitteln mit. Ich machte mich auf den Fußweg in Richtung Süden – ab und an durfte ich auf einem Karren mitfahren. Überall fand man ausgemergelte Körper an der Strecke die einfach liegen blieben – man konnte sie nicht mitnehmen und die Zeit reichte oft nicht um sie gebührend zu begraben. Ich habe sehr viele grausame Sachen auf dieser letzten Reiseroute gesehen und erlebt, die ich so gut es ging verdrängt habe um nicht daran zu  zerbrechen. Nur mit Glück kam ich eines Tages unversehrt in Augsburg an. Erleichterung machte sich nun in mir breit, als ich an der Haustüre klingelte. Es handelte sich um eine schöne Wohngegend die wohl ziemlich verschont geblieben war die letzten Jahre, kaum zerbombte Häuser. Als sich die Türe öffnete, hielt ich der Person vor mir den Zettel meiner Mutter hin und brach erschöpft zusammen.

Ich habe dann erfahren, dass ich zwei ganze Tage und Nächte geschlafen hab – meine Großtante Susanna kümmerte sich rührend um mich… ich erzählte in groben Zügen von unserer Flucht, wo meine Mutter beerdigt liegt und dankte ihr für die freundliche Aufnahme in ihrem Haushalt. Alles lief nun wieder in geregelten Bahnen, ich fand eine Anstellung in einem nahegelegenen Haushalt und arbeitete von nun an als Unterhalterin einer Gräfin. Die Wochen vergingen ereignislos – der Krieg schien weit entfernt zu sein. Eines Tages als ich von der Arbeit nach Hause kam, herrschte helle Aufregung im Hause, als ich den Eingang betrat stürmte meine Großtante erfreut auf mich zu und schob mich in den Salon. Als ich sah, wer mich dort erwartete wäre ich beinahe zusammengebrochen. Robert! In seiner Uniform! Als er auf mich zukam bemerkte ich, dass er humpelte. Er nahm mich in den Arm und wir hielten uns ewig lange nur fest ohne auch nur ein Wort zu sagen, unentwegt tropften meine Tränen auf seine Schulter und wollten kein Ende finden. Als ich mich von ihm löste musste ich sein Gesicht berühren, seine warmen Augen hatten einen bitteren Zug angenommen, was wohl kein Wunder war bei dem was er erlebt hatte. Kleine Narben zierten sein wunderschönes Gesicht.

„Aber… wie… woher wusstest du…?“

„Deine Mutter war eine weise Frau Elise, sie hatte mir vor meinem Aufbruch eine Adresse zugesteckt und gesagt, wenn der Zeitpunkt da ist, würde ich dich hier finden, meine Liebste. Und sie hatte recht. Es tut mir so leid.“

Erneut umarmte ich Robert und schickte einen liebevollen und dankbaren Gedanken an meine Mutter – nun war ich nicht mehr allein. Ich hatte meine große Liebe wenigstens wieder genesen zurück erhalten. Gott sei Dank.

 

 

Am 21. Oktober 1944 ereignete sich das Massaker von Nemmersdorf (Ostpreußen). Nachdem die Rote Armee das Dorf besetzte, wurden 19-30 Menschen dort grausam ermordet. Zwei Tage darauf wurde dieser Vorfall im Sinne des Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda „neu“ inszeniert – um die Reserven gegen die vorrückenden Sowjettruppen zu mobilisieren. Es wurden nachträglich Bilder von erschossenen Personen unbekannter Herkunft geschossen. Plötzlich war von 72 ermordeten, vergewaltigten und an Scheunentore genagelten Personen die Rede.

Das Massaker von Nemmersdorf ging in die Geschichte  ein,  als Symbol für die Erlebnisse der ostdeutschen Bevölkerung gegen Ende des Zweiten Weltkriegs.

Quelle: Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Nemmersdorf

 

 


MCDreamy?

 

Frustriert öffne ich den Kühlschrank. Gähnende Leere sieht mir direkt ins Gesicht – auch in meiner Brotdose sieht es nicht viel besser aus. Ich bin aber auch zu faul um nochmal loszugehen um etwas Frisches zu holen – schließlich hab ich bereits mein gemütliches Couch-Lümmel-Outfit an. Ich hole mir ein Stück hartes Brot raus, das muss heute reichen. Missmutig beiße ich hinein und in dem Moment merke ich es. Hilfe, mein Backenzahn, irgendwas stimmt da nicht. Das Scheißding ist abgebrochen. Ich spucke das elende Stück Brot aus, taste zuerst mit der Zunge an die pochende Stelle und danach mit dem Zeigefinger. Eindeutig fehlt ein großes Stück. Prima, es ist Freitagnachmittag und mein Zahnarzt ist natürlich nicht auffindbar um diese Uhrzeit. Was nun??? Langsam wird mir schwindlig – ich bin doch so wehleidig und hab ewig gebraucht um Vertrauen zu meinem Zahnarzt aufzubauen, ich KANN nicht zu einer Vertretung gehen. Der weiß doch gar nicht wie er mich behandeln muss!

Tapfer halte ich noch geschlagene 2 Stunden voller Schmerzen durch, bevor ich mich beim Ärztebereitschaftsdienst befrage. Da ich noch relativ neu in der Stadt bin, ist mir der Name komplett unbekannt. Meine Wange ist inzwischen ziemlich angeschwollen und es fällt mir schwer mich richtig zu artikulieren. Ich bringe nur noch ein „Fanke fön!“ raus.

Ich schwinge mich auf meinen Drahtesel – ich hätte nie geglaubt wie sehr die Verkehrstauglichkeit durch so ein Missgeschick beeinflusst wird – beinahe wäre ich vor einen O-Bus gefahren. Der Fahrer hupt mich an, schickt mir die wildesten Flüche hinterher und fährt weiter. Gott sei Dank bin  ich heil bei der Praxis angekommen. Von außen sieht es alles andere als vertrauenswürdig aus. Ich  musste schon GANZ genau hinsehen bevor ich das Schild der Ordination entdecken konnte – ein guter Arzt hat doch auch ein aussagekräftiges Schild, oder? Kurz überlege ich wieder zurück zu radeln, doch bei dem Gedanken wird mir schon übel. Es wird alles nichts nützen, da muss ich durch. Ich öffne die Türe ein merkwürdiger Geruch kommt mir entgegen, sodass ich die Nase rümpfe. Im ersten Stockwerk befindet sich die Praxis. Ich drücke dir Türe auf und sehe direkt in das Gesicht einer mies gelaunten Arzthelferin. Sie blickt auffällig auf ihre Armbanduhr. „Herr Doktor, ziehen Sie sich wieder aus – da IST NOCH JEMAND!“  dabei seufzt sie theatralisch und drückt mit einer ausholenden Bewegung auf der PC-Tastatur herum. Wie viele schlechte Zeichen brauche ich denn noch bevor ich begreife, dass das keine gute Idee ist. Mit Alkohol oder Tabletten schaffe ich das Wochenende schon und am Montag erwische ich meinen Zahnarzt wieder.  Gerade möchte ich mich rückwärts bewegen, da betritt ER den Eingangsbereich! Es ist als ob sich der gesamte Raum plötzlich erhellt – vielleicht ist es auch im Wahn der Schmerzen, aber einen so gutaussehenden Kerl hab ich noch nie gesehen. Sportliche Figur, pfiffiges Auftreten, ein Lächeln im Gesicht, das sogar kleine Lachfältchen um die Augen offenbart. „Luise, was haben sie gesagt? Ach da ist ja noch jemand – nur hereinspaziert!“  Er kommt auf mich zu, greift nach meiner Hand und schüttelt sie freundlich. Beinahe knicken mir die Beine weg – so einen Stromschlag hat es mir in dem Moment verpasst.

„Was führt Sie zu mir?“

Im ersten Moment bin ich zu gflashed um antworten zu können, jedoch bemerke ich sofort seinen Geruch, der mehr als angenehm in meiner Nase ist. Am liebsten würde ich näher kommen und einen tiefen Zug von ihm nehmen, was er vermutlich als sehr merkwürdig empfinden würde, deshalb verwerfe ich den Gedanken schnell wieder.

„Mir ift ein Fahn abwebrofen.“ Mein Gott klingt das schrecklich. Ich entschließe mich, kein weiteres Wort mehr zu sagen – ich deute mit dem Finger auf meinen rechten Backenzahn und ziehe wehleidig die Augenbrauen zusammen. Das muss genug Kommunikation sein – ich hoffe er versteht meine Bedenken.

„Oh das sehen wir uns gleich mal an, bitteschön in Raum 2. Machen Sie es sich gemütlich.“

„Ha!“ ist alles was ich noch rausbringe, gehe den kurzen Gang hinab, bin aber kurz davor umzukippen. Mich hat die Erscheinung des Arztes beinahe aus den Schuhen geschmissen und meine panische Angst vor Zahnärzten kommt nun auch noch erschwerend hinzu. Am liebsten würde ich mich auf der Stelle übergeben, aber da ich noch Hoffnung habe in die tollen Augen des Doktors zu blicken während er mich behandelt, wanke ich mutig voran. 

Nun sitze ich im Stuhl, leicht zurück gekippt, die Lampe blendet mich – ich kann dieses Ding nicht ausstehen. Luise geht genervt im Raum herum, schleudert diverse Gegenstände durch die Gegend – ich spüre sie hasst mich, da ich ihr den Feierabend versaut habe.

„Gurgeln!“ Wie beim Bundesheer stellt sie mir einen Becher hin mit einer Mundspülung darin. Artig gehorche ich. Und dann KOMMT ER – ich beginne dämlich zu grinsen, was der Arzthelferin wohl auffällt.

„So, dann wollen wir uns mal dem Zahn widmen. Luise, bitte den Sauger.“

Er hat wahnsinnig zarte Hände – und auch wenn ich ganz steif im Stuhl sitze, weil ich mich extrem unwohl fühle, konnte ich nicht umhin zu bemerken, dass er keinen Ehering trägt. Strike! Ich schiele so gut wie möglich auf die andere Hand – er könnte schließlich verlobt sein. In dem Augenblick verfängt sich der Spuckesauger in meiner linken Wange und gibt ein total ekeliges Geräusch von sich, ich selbst erschrecke am allermeisten, ganz geschockt, welche unerotischen Töne aus meinem Mund zu hören sind.

„Oh es tut mir so leid.“ Entschuldigt sich Luise. „Sowas passiert mir ganz selten, ich hoffe alles ist in Ordnung.“

Die blöde Schnepfe hat das doch mit Absicht gemacht. Ich nicke wohlwollend, doch gedanklich wünsche ich ihr gerade Herpes…

 

Der Zahnarzt streicht mir beruhigend über die Wange. „Keine Sorge, das haben wir im Handumdrehen. Fühlen Sie sich denn wohl?“ Er sieht mir dabei lange in die Augen und ich kann nicht sagen wie lange wir uns so angestarrt haben, aber ich habe Harfen im Hintergrund spielen gehört.

„Entschuldigung, das ist wohl mein Handy. Darf ich kurz rangehen, Chef?“  Luise verlässt den Raum. Erneut tätschelt dieses Abbild eines Mannes meine Wange und erklärt mir in beruhigendem Ton was er als nächstes alles so macht. Da Luise nun nicht da ist um mir meine Spucke abzusaugen habe ich nach kurzer Zeit das Gefühl über zu gehen. So galant wie möglich versuche ich zu schlucken ohne ihm die Finger dabei abzubeißen. Wenige Minuten später betritt Luise wieder den Raum mit einer Stimmung die normalerweise sämtliche Blumen welk werden lassen müssten. Sie saugt mir noch volle zweimal in meine Wange und einmal steckt sie mir den Schlauch so weit nach hinten, dass ich zu würgen anfange. Ich kann diese frustrierte Frau nicht ausstehen.

Eine Stunde später bin ich fertig – nicht nur mit den Zähnen sondern auch mit den Nerven. Der Arzt – ich hab seinen Namen total vergessen – drückt mir zum Abschied nochmal die Hand und entlässt mich mit den Worten. „Ruhig halten übers Wochenende und am Montag kommen sie zu einem Kontrolltermin, ja?“ er zwinkert mir dabei spitzbübisch zu – ich kann kaum meine Augen von ihm lassen. So verharren wir noch einige Sekunden, die Funken fliegen zwischen uns hin und her.

„Und, haben wir’s dann Chef? Mein Freund wartet unten seit einer halben Stunde auf mich!“ Luise würde mich vermutlich am liebsten an den Haaren raus zerren. Ich habe den Wink verstanden, wünsche allen ein schönes Wochenende und verlasse beschwingt die Ordination. Unten streiche ich über das – nun total offensichtliche – Schild mit dem melodischen Namen Dr. Peter Adonis. Oh GOTT wie passend doch der Name für diesen Traummann ist!!!

Pfeifend setze ich mich auf mein Rad und beginne auf die Kreuzung zuzufahren, übersehe dabei aber komplett eine Ausfahrt und werde beinahe von einem Auto niedergestoßen. Ich muss heute mit Schutzengeln überschüttet werden, denn wieder verfehlt mich das Fahrzeug nur um Haaresbreite, durch den Schock aber stelle ich den Lenker quer und falle samt dem Rad einfach um. Hastig steigt der Fahrer aus dem Wagen. „Alles in Ordnung Frau Müller?“

„Oh – ja, jetzt ja.“ Irgendwie habe ich das Gefühl zu träumen, oder liegt es noch immer an der Betäubung dich ich vorhin bekommen habe. Dr. Adonis kniet über mir und checkt kurz meinen Allgemeinzustand. „Ich glaube ich bringe Sie lieber nach Hause. Ist das ok für sie!“

Ich grinse noch immer ganz dämlich, nicke zustimmend und steige wie unter Hypnose in seinen Wagen. Auch dort gleich der Rundum-Check. Kein Foto einer Frau, kein selbstgebastelter Anhänger eines Kindes, ein Blick auf die Rückbank sagt mir, dass er Sportler ist, dort ist eine Trainingstasche, eine Getränkeflasche und Sportzeitschriften zu finden.  Der Adonis packt mein Fahrrad in seinen Kombi und steigt neben mir ein. Die Fahrt ist leider viel zu schnell vorbei. Als wir uns erneut voneinander verabschieden, drückt er mir seine Visitenkarte in die Hand und erklärt mir eindringlich, ich sollte ihn bitte anrufen, falls die Nebenwirkungen nicht bald nachlassen oder ich Komplikationen hätte. Ich verspreche ihm schnell ins Bett zu gehen und mich ruhig zu halten.

Wow – was für ein Kerl. Ich bin restlos begeistert und vollkommen überzeugt, dass er ES auch gespürt hat. Ich freue mich schon tierisch auf den Nachsorgetermin am Montag. Zur Feier des Tages kippe ich mir noch einen Schnaps hinunter – soll ja schließlich desinfizieren. Keine Ahnung wer diesen Blödsinn aufgebracht hat, ich werde jedenfalls am nächsten Tag gegen Mittag neben meinem Telefon wach, dass auf Dauerton das Besetztzeichen vor sich hin spielt. Was hab ich getan? Ich versuche mich an die letzten Stunden zu erinnern? Hab ich ihn etwa angerufen – oh Gott bitte nicht. Ich bin schrecklich wenn ich betrunken bin. Ich neige dazu ordinär zu werden, da ich es witzig finde. Meine Freundinnen versuchen ständig mich vom Alkohol abzuhalten, da ich ihnen ab einem gewissen Grad peinlich werde.  Ich sammle mich einige Sekunden, betätige die Wahlwiederholung und bin ganz erleichtert, dass ich einen Floristen am anderen Ende habe.

„Blumen Heinzinger, hallo?“

„Tag, Müller hier. Ich glaube ich habe bei Ihnen angerufen.“

„FRAU MÜLLER!“ Die Dame am Ende der Leitung zieht meinen Namen genervt in die Länge.  „Ich habe Ihnen bereits mehrfach versichert, dass Herr Dr. Adonis die Blumen erhalten wird. Unter Garantie – sogar mit der neuen Nachricht. Ich habe sie höchstpersönlich verfasst und nun lassen sie mich BITTE in Ruhe!“

Ich werde schlagartig leichenblass. Ich habe dem niedlichen Dok Blumen geschickt? WARUM?  „Ähm… aber die … die kann man doch… sicher noch abbestellen, oder?“

Hysterisches Gelächter am anderen Apparat. „NEIN – FRAU MÜLLER! Nachdem sie mich über Stunden belästigt haben, habe ich meinen eigenen Mann losgeschickt um diese verdammten Blumen auszuliefern.“

Shit! Warum kann ich mich daran nicht erinnern? Auf dem Wohnzimmertisch steht die leere Flasche Schnaps – vermutlich war mir gestern Nacht noch nach einem Nachschlag. Ich lasse den Kopf entmutigt nach unten sinken. „Wären Sie bitte so freundlich mir die Nachricht nochmals vorzulesen?“

„Aber natürlich, sie hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Sie lautete:

Herr Adonis – und WAS für ein Adonis Sie sind… ich finde Sie geil, was soll ich sagen, einen so heißen Kerl wie Sie habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Ich hätte nichts dagegen mit Ihnen Kinder in die Welt zu setzen – wir würden wunderschöne Kinder produzieren. Danke, Danke Sie „steiler Zahn“ für Ihre Hilfe. Herzlichst Lilly Müller

Als ich Sie darauf aufmerksam gemacht habe, dass dieser Text vielleicht nicht ideal sein könnte haben sie mich als blöde Blumenschuppse beschimpft und mir gedroht persönlich vorbei zu kommen, deshalb war es mir ein VERGNÜGEN die Nachricht zu übermitteln. Auf nimmer-Wiederhören!“

Mir ist schlagartig speiübel. Ich kann mich nie wieder bei ihm blicken lassen, der hält mich doch für komplett verrückt. Warum nur hat er mir seine verdammte Visitenkarte mit der Privatadresse gegeben? Weiß er nicht wie viele irre Frauen es hier auf Erden gibt – solche Informationen rückt man doch  nicht einfach so heraus? Idiot!

Soll ich ihn anrufen? Nochmal Blumen als Entschuldigung schicken? Bis Montag warten? Für einen kurzen Augenblick dreht sich alles. NEVER – EVER Tabletten mit Alkohol mischen – man sieht was dabei herauskommt.

Ich packe meinen ganzen Mut zusammen und mache mich auf den Weg zu seiner Wohnung. Ich muss dieses Missverständnis aus der Welt schaffen. Etwa 20 min später stehe ich vor seiner Haustüre, sie ist dezent geschmückt, ein Namensschild mit geschwungenen Lettern ziert seinen Eingang. Ich klingle kurz an, in der Hoffnung, dass er nicht zu Hause ist. Die Türe öffnet sich und ein Mann steht vor mir. Er lächelt mich freundlich an.

„Lassen Sie mich raten – SIE sind Frau Müller?“ ein schiefes Grinsen liegt in seinem Gesicht. Am liebsten würde ich im Erdboden versinken, ich nicke verlegen.

„Ihre Ausrede lautet nun wie?“ Er verschränkt die Hände vor seiner Brust und wippt mit seinen Knien – ihn scheint die Situation zu amüsieren.

„Alkohol… nach… Schmerzmittel. Es tut mir so leid. Ich weiß gar nicht…“

Bevor ich noch weiter sprechen kann stoppt er mich. „Sie sind nicht die erste Patientin die ein Auge auf meinen Lebensgefährten geworfen  hat. Ich habe die Blumen heute entgegengenommen und die Karte fiel mir unabsichtlich in die Hände – verzeihen Sie meine Indiskretion, aber ich hab die Zeilen gelesen und dachte, ich handle in ihrem Sinne und hab sie verschwinden lassen.“

Mir fällt ein Stein, ach was ein Fels, nein ein ganzes Gebirge vom Herzen. ER hat es nicht zu lesen bekommen. Im Moment danach bin ich ernüchtert, hat er gerade Lebensgefährte gesagt? NATÜRLICH ist SO ein Kerl vergeben, das wäre doch zu schön gewesen um wahr zu sein. Er war eindeutig ZU perfekt. Ich wundere mich jedoch, warum mein Schwule-Männer-Radar nicht angeschlagen hat.

Freudig sehe ich ihm in die Augen – ich lege all meine tiefste Dankbarkeit in diesen Blick, er nickt nur wissend und schließt die Türe. Ich bin gerettet – sowas passiert mir sicher nie wieder!! Gerade möchte ich durch den großen Eingang hinausstürmen, da laufe ich direkt in die Arme einer mir unbekannten Person.

„Hoppla, ganz schön stürmisch, was?“  Es ist als ob mich gerade der Blitz erwischt hat. Ich stolpere ein paar Schritte zurück und lande auf der untersten Stiege direkt auf dem Hintern. Ich stottere nur. „Ja.. ähm... da oben… ähm…“

Er reicht mir seine Hand und ich nehme sie entgegen. Wir sehen uns verlegen an, dann sagt er plötzlich. „Haben Sie es denn so eilig? Ich könnte nämlich einen Kaffee vertragen, vielleicht haben Sie ja Lust mir Gesellschaft zu leisten?“

 

Ich nicke grinsend und wir verlassen das Gebäude. Manchmal schlägt das Schicksal auf Umwegen zu und wir erahnen erst in der letzten Minute was es mit uns vor hat. Begonnen hat alles mit einem Stück altem Brot und nun… tja, nun sitze ich im Café und unterhalte mich mit dem „wahren“ Mann meiner Träume. 


                                         Sweet Sixteen

 

WUMM, WUMM, WUMM…. laut dröhnt der Bass der Musikanlage zum Hotelzimmer herüber. Genervt drehe ich mich in meinem Bett hin und her. Auch der Polster über den Ohren hilft  nicht gegen den  Lärm. Stinksauer begebe ich mich auf den Balkon und starre mit böser Miene zu dem Boot im Yachthafen hinüber, auf dem lautstark Party gefeiert wird.

„Und dabei hatte ich mich so auf ein paar erholsame Tage in Italien gefreut!“

Bereits vor zwei Stunden hatte ich mit dem Manager des Hotels ein Telefonat, dieser hat sich vielmals entschuldigt, es handle sich um die Geburtstagsparty einer Millionärstochter.

„Donnerlittchen, das gibt eine ordentliche Preisminderung, wenn ich dem Veranstalter die Fotos und Mitschnitte schicke…“ Voller Enthusiasmus knipse ich drauf los und lasse das Diktiergerät – dass ich als verantwortungsbewusste Sicherheitsbeauftragte in der Verpackungsfabrik ständig bei mir trage – laufen. Plötzlich setzt die Musik für ein paar Sekunden aus und ich vernehme ein lautes Platschen.

„Jetzt werfen die auch noch mit Sachen, ich verstehe die Jugend von heute nicht mehr – kein Respekt mehr, vor gar nix!“

Kopfschüttelnd gehe ich ins Bett und schlafe binnen weniger Minuten ein. Etwa eine Stunden später weckt mich eine Sirene. Schlaftrunken torkle ich auf den Balkon hinaus und sehe einen Rettungswagen und ein Carabinieri-Auto vor dem Steg stehen. Etliche Personen wimmeln um die Yacht herum, es werden Fotos geschossen, Leute einvernommen –  da muss doch etwas passiert sein! Ich schlüpfe schnell in meine Cargohose, ziehe ein Polohemd über und mache mich – neugierig wie ich bin -  auf den Weg zum Geschehen.

„Attenzione! Attenzione! Bitte bleiben sie hinter der Absperrung, Signora!“ Ein schmächtiger Carabinieri stoppt mich in meinem Vorhaben. Ich strecke mich ein wenig um einen Blick auf die Yacht erhaschen zu können. Manch einer könnte mich neunmalklug und vielleicht sogar aufdringlich nennen, ich beschreibe mich lieber als vielseitig interessiert.

„Was ist denn passiert? Ich habe die Party mitbekommen, hat sich jemand verletzt?“

In dem Moment wird eine Bare mit einem Leichensack den Steg entlang gezogen. Geschockt fahre ich mit meiner Hand an den Mund. „Oh. Shit.“

Ich fange noch ein paar Brocken auf. „ Signorina Isabella … 16. Geburtstag … Yacht des Vaters….. Alkohol … Unfall….kein Fremdverschulden…“

 

Tragisch, ich bin ganz geschockt und gehe zurück auf mein Zimmer. Ich stecke meinen Fotoapparat am Laptop an um die geknipsten Bilder zu begutachten. Ein paar Gestalten auf dem Ersten, danach das Boot alleine, dann ein Mädchen an der Reling – oh, das dürfte wohl Isabella sein – noch ein Klick weiter, da gesellt sich jemand zu ihr. Ich fahre mit meiner Nase ganz dicht an den Bildschirm, jedoch ist die Qualität so mies, dass nicht allzu viel von der zweiten Person zu sehen ist – nur ein weißer Kapuzenpullover - und plötzlich steht er alleine da. Kurz stutze ich, ich lasse die Bilderserie wiederholt laufen. „Donnerlittchen, das war doch EINDEUTIG KEIN Unfall! Der hat sie doch eindeutig geschuppst!“

Ich packe schnell meinen Laptop und das Diktiergerät und mache mich auf den Weg zur nächsten Wache.

Geschäftiges Treiben finde ich dort vor, doch niemand will mir so recht zuhören, ich werde vom Einen zum Anderen geschickt – ohne Erfolg. „Das darf doch wohl nicht wahr sein! Und da soll man nicht über die italienische Polizei schimpfen!“

Wütend stampfe ich samt Equipment wieder zu meinem Wagen und fahre zurück zum Hotel. Mittlerweile ist es hell geworden und ich möchte die Unglücksstelle inspizieren. Frech steige ich über die Absperrung hinweg. In Gedanken stelle ich mir das letzte Bild nochmal vor, besteige die Yacht und stelle mich an den Platz, wo Isabella zuletzt abgelichtet worden war. Die Reling ist mindestens 1,20m hoch, da KANN man nicht einfach vom Boot stürzen, das müsste doch dem Polizisten aufgefallen sein. Ich knipse wiederum ein paar Fotos. Drei Jugendliche kommen auf mich zu, sie halten sich in den Armen und weinen. Schnell auch noch ein Foto von den zwei Mädchen und dem einen Jungen – sicherheitshalber.

„Ich kann das nicht verstehen….wie konnte das nur passieren? Wir haben doch so viel Spaß gehabt und Pete, du hast noch mit ihr getanzt und dann seid ihr raus….“ Schluchzt die hübschere der beiden. Der Junge zuckt mit den Schultern. „Ich wollte gerade was zu trinken holen und…“ Er verstummt und greift mit seiner rechten Hand direkt neben den Yachtnamen „Oceanqueen“.

Im vorbeigehen nicke ich ihnen zu und eile in mein Zimmer. Ich bin begeisterte Krimi-Leserin und verschlinge einen nach dem anderen….. vielleicht liegt auch deshalb mein Privatleben ein wenig brach – wenn man lieber mit Hercule Poirot ermittelt als auszugehen, kann das durchaus DARAN liegen. Egal.

Ich hole mein Puder aus dem Kosmetiktäschchen und warte bis die Jugendlichen verschwunden sind. So als ob ich es gelernt hätte nehme ich die Fingerabdrücke des jungen Mannes vom Schiff ab. Man weiß ja nie wofür man es noch brauchen kann – wenn sich die Polizei hier so ... so unbeholfen aufführt. Ich verstaue den Klebestreifen in meinem Notizbuch, in dem ich bereits sämtliche Hinweise und Mutmaßungen niedergeschrieben habe.

Nachmittags entdecke ich den schmächtigen Carabinieri wieder und möchte ihm von meinen Foto`s erzählen, doch auch er ist nicht daran interessiert, er wiederholt nur immer, dass es sich um einen „incidente“, einen Unfall, handelt und die Ermittlungen – auch auf Drängen der Eltern - eingestellt wurden.  Das ging schnell.

Sprachlos stehe ich ihm gegenüber, während er die gelbe Absperrung zusammen rollt, alles in seinen Kleinwagen packt und abfährt.

Ich kann meiner Neugier einfach  nicht widerstehen. Erneut betrete ich die Oceanqueen und inspiziere auf`s Genaueste den Boden der Yacht. Ganz vorne unter einer Abdeckung sehe ich etwas glitzern. Ich schnappe mir meinen Kugelschreiber und versuche das nicht identifizierbare Etwas hervor zu pullen. „Donnerlittchen, sowas!“ Sorgsam nehme ich eine Plastiktüte, stülpe sie über meine Hand und hebe den Gegenstand vorsichtig auf. „Interessant!“

In meinem Notizbuch vermerke ich unter Beweis Nr. 2 meinen neuesten Fund.

In dem Moment sehe ich den Carabinieri erneut auf mich zukommen. Er sieht mich ernst an.

„Signora, mein Boss hat mich angerufen, dass sie sich ständig auf der Yacht herumtreiben. Dies wird ihnen hiermit strengstens untersagt! Und dies sage ich mit Nachdruck, bitte entfernen sie sich von hier!“ Ich muss grinsen, denn dieser italienische Akzent macht es mir unmöglich die Warnung so ernst zu nehmen wie sie gedacht war. Das ist fast so schlimm, wie wenn ein Holländer flucht… man ist machtlos, es klingt trotz allem niedlich!

Er macht eine ausladende Handbewegung, sieht mich finster an und wiederholt. „Singora!“

„Aber, sehen sie doch, es war kein Unfall! Unmöglich!“ Bevor ich ihm meine Beweise vorlegen kann unterbricht er mich.

„Sie halten die italienische Polizei für unfähig, oder wie darf ich es sonst verstehen? In den Papieren steht eindeutig Unfall durch Alkoholeinfluss und Tod durch Ertrinken.“

Er legt mir die Hand in den Rücken und schiebt mich voran. Bitte, wie armselig ist es, wenn sich bereits DIESE Geste wie purer Sex anfühlt, ich glaube ich bin ein klein wenig ausgehungert.

„Hatte sie eine kleine Stichwunde? Wie die einer Nadel? Vielleicht im…. Oberarm oder Nacken?“

Der Carabinieri löst seine Hand von mir – ach nö, wo es gerade so schön war.

„Si, warum fragen Sie?“

Mit einem überheblichen Grinsen im Gesicht, greife ich in meine Handtasche und hole mein Fundstück hervor.

„Madonna mio!“

 

Nachdem der Carabinieri – Giorgio - nun Feierabend hat, beschließen wir in ein Kaffee zu gehen und ich unterbreite ihm voller Stolz meine Erkenntnisse und trage – mit großen Gesten – meine Rückschlüsse vor. Ich kann nicht umhin ein klein wenig Stolz zu empfinden, denn schließlich habe ICH das alles zusammen getragen. Simone, DIE Detektivin, Super-Spürnase, Herrscherin über die Beweise – ok ein klein wenig Größenwahnsinnig vielleicht.

„… und somit bin ich überzeugt, Pete ist der Täter!“ schließe ich selbstbewusst meinen Vortrag.

Ein Lächeln umspielt seine Lippen. „Impossibile! Pete war zum Tatzeitpunkt gerade an der Bar und hat mit Rebecca Hurlington getrunken, bis er dann umgekippt ist.“ Amüsiert klopft er mit der flachen Hand auf den Tisch.

„Oh... ok. Aber wer war es dann?“

Langsam zieht er seinen Notizblock hervor. Darauf sind sämtliche Personen vermerkt, die an diesem Abend auf dem Boot waren. Es handelt sich um 10 Mädchen und 5 junge Männer.

„Während der Party wurden Einwegkameras ausgeteilt, die die genaue Uhrzeit festhalten, wir haben sämtliche Fotos ausgewertet, zum Tatzeitpunkt waren alle Feierlustigen anwesend.“

Nachdenklich tippe ich mit dem Kugelschreiber gegen meine Lippe. „Zu blöd, dass die Spritze sauber ist, ich hatte gehofft, dass die Fingerabdrücke übereinstimmen würden.“

„Tja, wenn es nur immer so einfach wäre. Ich denke wir machen Schluss für heute, non?“ Ganz Gentleman übernimmt Giorgio die Rechnung. „Ich habe morgen frei, was halten Sie davon, wenn wir uns die Yacht nochmal genauer ansehen, ich kann mir vorstellen, dass sogar SIE etwas übersehen haben.“

Ich fühle mich geschmeichelt. „Sehr gerne Giorgio. Und zu meiner Entschuldigung, ich hatte auch nicht richtig Zeit zu suchen, ja?“

 

Bereits frühmorgens bin ich mit dem süßen Carabinieri verabredet, ein letzter Kontrollblick in den Spiegel, ich bin bereit. Giorgio erwartet mich bereits an Deck, doch wir sind nicht allein, eine Catering-Firma holt ihre Sektflöten und das Geschirr ab. Wir durchforsten das Boot und drehen alles was nicht niet- und nagelfest ist um… doch nichts. Es ist zum Verzweifeln.

„Signore, wir sind nun fertig, wir haben sämtliches Geschirr eingepackt, ist das in Ordnung?“ der Kerl vom Catering-Service streckt ihm die Hand entgegen um sich zu verabschieden. Gerade möchte er sich wegdrehen.

„Mooooooment!“ Meine Stimme klingt vielleicht ein klein wenig schriller als beabsichtigt. In Hercule Poirot-Manier verschränke ich meine Hände hinter dem Rücken und gehe auf und ab. „Bieten Sie auch einen Kellner-Service an?“

„Naturalmente, si!“

„Wurde an jenem Abend dieser Service auch in Anspruch genommen!“ Ich sehe ihm tief in die Augen. Er wirkt verunsichert.

„Si, Antonio hat den Abend hier gearbeitet.“

Ich grinse wissend Giorgio an. Mein „na bitte“-Lächeln…

Kurzentschlossen beschließen wir, Antonio einen Besuch abzustatten. Wir treffen ihn vor seinem Apartment an.

„Buon giorno! Antonio Baraldi? Ich hätte ein paar Fragen an Sie!“ Wow, wenn er so amtlich spricht klingt das sehr sexy.

Gerade als ich anfange Giorgio in einem komplett anderen Licht zu sehen beginnt unser Verdächtige mit einem Sprung über den Gartenzaun zu flüchten. Kurz schüttle ich den Kopf – das ist SO BILLIG!

Aber der arme Tropf kann nicht ahnen, dass ich die Schülermeisterschaft im 100m-Lauf gewonnen habe. Blitzschnell starte ich durch und habe ihn binnen weniger Sekunden eingeholt, ich setze an und bringe ihn mit einem beherzten Sprung zu Fall! Stöhnend flucht er auf mindestens drei Sprachen die ich nicht verstehe.

 

Im Revier singt er wie ein Vögelchen. Er hatte Isabella auf einer anderen Party kennen gelernt und mit ihr Zeit verbracht, sie wollte ihm behilflich sein, seinen eigenen Catering-Service zu eröffnen. Als er an ihrem Geburtstag sie an die Abmachung erinnerte, hatte sie ihn nur ausgelacht und ihm gesagt, dass er es NIE zu etwas bringen würde und ein armes Würstchen sei. Daraufhin wurde er so wütend. Da er Diabetiker war, hatte er eine Spritze in seiner Jackentasche und injizierte ihr eine hohe Dosis Insulin. Zu guter Letzt schuppste er sie über die Reling und überließ sie ihrem Schicksal.  Von Reue keine Spur – Mistkerl!

Ich übergab – mit einem großen Maß an Genugtuung – der Polizei meine Beweise.

 

Später kommt Giorgio auf mich zu. Abwehrend hebe ich die Hände. „Kein Problem – gerne geschehen – du brauchst dich nicht zu bedanken. Ich weiß auch so, dass ihr es ohne mich nicht geschafft hättet.“

Verblüfft bleibt er stehen. „Ich wollte dir eigentlich nur dein Diktiergerät geben, Simone.“

„Oh, das könnte nun peinlich werden.“ Erröte ich etwa? „Tja … mein Kurzurlaub ist nun auch vorbei…“

„Tja… schade.“ Ist er etwa ein klein wenig verlegen?

„Ciao Girogio!“ Damit drehe ich mich um und gehe los.

„Un attimo Simone!“

Jawohl! Innerlich juble ich, er will mir noch was sagen.

„Da dein Urlaub so ereignisreich war, soll ich dir ausrichten, dass dir die Polizei eine Woche spendiert, in einem richtig schönen Hotel, wo garantiert KEIN Mord passiert. Du brauchst nur zu sagen wann.“

„Oh, ja… danke.“ Ich grinse, also werde ich ihn wiedersehen. „Ich werde mich melden, verlass dich drauf!“

 

Ich stecke mein Diktiergerät in eine der vielen Hosentaschen, winke nochmal und rufe beim Gehen. „Giorgio! Übrigens dein Kollege klaut Büromaterial, den würde ich ein wenig im Auge behalten!“


E-MAIL INS GLÜCK?

 

Gestresst trete ich durch die Tür in meine Wohnung. Ich reibe mir die Schläfe, diese Kopfschmerzen bringen mich noch um. Ich streife meine Schuhe ab und gehe, wie jeden Tag, barfuß als erstes in die Küche um mir einen Kaffee zu richten Nachdem ich meinen Lieblingsbecher gefüllt habe,  nehme ich meinen kleinen handlichen Laptop und kuschle mich auf meine gemütliche Couch. Ein wenig Musik kann nicht schaden, denke ich mir. Im Hintergrund laufen beruhigende Klänge, ich schließe eine Weile meine Augen und lasse gedanklich den Tag nochmal Revue passieren.

„Mein Chef macht mich noch fertig. Sollte dieses kleine Arschloch mir nochmal – so rein zufällig – an den Hintern fassen, werde ich ihm eine ordentliche Verpassen! Genau so sieht es aus, was erlaubt der sich überhaupt! Das ist doch eindeutig sexuelle Belästigung, das darf ich mir nicht gefallen lassen…. obwohl, ich mag meinen Job, vielleicht war es ja wirklich ein Versehen… er hat sich schließlich entschuldigt….“

Der Kaffee hat seine Wirkung auch diesmal nicht verfehlt, ich fühle mich wesentlich besser, Zeit die Mails zu checken. Ich öffne mein Programm, wieder nix besonderes dabei, ein paar Gewinnbenachrichtigungen obwohl ich nirgends mitgemacht hab, ein Angebot für eine Penisverlängerung obwohl mir dir „Ausstattung“ dafür fehlt, ein  Massenmail von meiner Freundin Betty – das werde ich mir später ansehen. Nun nur noch den Spam-Ordner leeren. „Was ist denn das?“ sage ich automatisch laut heraus. „Mein Geburtstag ist doch erst morgen, wer ist Peter Schuster? Eigentlich öffne ich solche Mails ja  nicht, aber irgendetwas sagt mir ich sollte es doch tun.

 

An: franzi.mayer@aon.at

Von: peter_schuster@gmail.com

Betreff: Alles Liebe zum Geburtstag!

 

Lieber Onkel Franz!

Ich habe gehört, dass du nun auch das Internet benutzt. Nun möchte ich gerne der erste sein, der dir via www zum Geburtstag gratuliert!! Frei nach dem Kindergartenspruch, den mein Neffe Paulchen letztens stundenlang – wie ein Mantra – wiederholt hat: HOCH SOLL ER LEBEN, AN DER DECKE KLEBEN, RUNTER FALLEN, POPSCH ANKNALLEN, JA SO IST DAS LEBEN!! ;-)

Feier schön lieber Onkel Franz und meld dich doch mal wieder, würde mich freuen!

Alles Liebe,

dein Neffe Peter!

 

„Oh, ist DAS süß!“ entfährt es mir automatisch. Ich habe ein Grinsen im Gesicht. Da hat sich dieser Peter wohl in der Adresse vertan, schade, ich hätte mich auch mal über ein paar nette Worte gefreut. Ich seufze auf. Meine letzte Beziehung liegt nun auch schon beinahe ein halbes Jahr zurück und irgendwie will der Richtige einfach nicht auftauchen, dabei bin ich doch ziemlich kontaktfreudig und kommunikativ….immer wieder ziehe ich mit Betty um die Häuser, aber die Männerwelt hier lässt doch sehr zu wünschen übrig. So ab dreißig ist die Auswahl dann nicht mehr allzu prickelnd, nur noch Kerle mit „Altlasten“ oder „merkwürdigen Vorlieben“. Nein danke.

Ich lese nochmals über die Zeilen und schmunzle. Ich muss ihm sagen, dass er hier falsch ist….

 

An: peter_schuster@gmail.com

Von: franzi.mayer@aon.at

Betreff: RE: Alles Liebe zum Geburtstag!

 

Lieber Herr Schuster!

Es tut  mir leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass Sie hier falsch sind. Ich hab mich zwar sehr über die Geburtstagswünsche gefreut  (schließlich wäre mein Geburtstag morgen) – und finde ihren Neffen sehr kreativ – aber hier ist Franziska Mayer…. Überprüfen sie nochmal die e-Mailadresse, da dürfte Ihnen ein Fehler unterlaufen sein!? J

Alles Liebe!

Franzi  Mayer

 

So, nun noch auf Abschicken und gut ist. Ich wärme mir ein Fertiggericht in der Mikrowelle. Alleine Essen ist echt scheiße, alles schmeckt irgendwie fad. Dabei koche ich doch so gerne, aber für mich lohnt sich der Aufwand auch nicht. Dann muss eben wieder einmal bofrost für mich kochen. Ich  nehme mein Teller ins Wohnzimmer mit und zocke nebenher mit Günther Jauch um die 125.000 Euro. „Du Idiot, das ist eindeutig Shakira!“ ich klopfe mit meiner Hand auf den Oberschenkel. „Sowas weiß man doch, die hat doch sogar gerade ein Kind von Piquet bekommen!“ Ach ich wäre so ein toller Telefonjoker! Leider habe ich zu wenig Freunde mit Leidenschaft für Fernsehquiz, somit wird mein Traum, einmal Günter Jauch am Telefon zu haben, wohl ewige Zeiten unerfüllt bleiben. Der Kandidat kennt die Antwort nicht und fällt auf die letzte Stufe zurück. Depp!  Unzufrieden gehe ich zu Bett. Ich lese noch ein paar Seiten in meinem neuen Roman und schlafe irgendwann genüsslich weg.

 

Am nächsten Morgen – the same procedure as every day – Kaffee, ein Nutellatoast und die Tageszeitung online lesen. Ich durchforste auch wieder meine e-Mails. Ach, Herr Schuster hat sich zurückgemeldet.

 

An: franzi.mayer@aon.at

Von: peter_schuster@gmail.com

Betreff: Alles Liebe zum Geburtstag!

 

Liebe Frau Mayer!

Die Verwechslung tut mir leid. Dennoch möchte ich Ihnen dann heute gerne zu Ihrem Wiegenfeste gratulieren, frei nach dem Motto meines Neffen Paulchen, der dieses – ok, bereits bekannte und dadurch nicht mehr soooo kreative -  Gedicht mit nach Hause gebracht hat: Hoch sollen Sie Leben, an der Decke kleben, runter fallen, Popsch anknallen, ja so ist das Leben! ;-)

Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Geburtstag!

Mit den besten Wünschen!

Peter Schuster

 

Ich muss laut loslachen, also Humor besitzt dieser Kerl eindeutig. Mein erster Geburtstagsgratulant heute. „So ein Verrückter!“ Im selben Moment klingelt mein Handy, meine Freundin Betty ist dran.

„Hey Süße, alles Liebe zu deinem Geburtstag!“ flötet es mir entgegen. „Ich  hoffe ich bin die erste die dir gratuliert!“

„Nun ja,  nicht ganz, aber du bist unter den Top 5.“ Scherze ich und erzähle ihr von der Verwechslung.

„Du schreibst ihm doch zurück, oder?“ drängt sie mich.

„Hab noch gar nicht drüber nachgedacht.“

„Zufälle gibt es nicht meine Liebe, vergiss das nicht!“

„Nun ja, ich kann  mich ja bedanken…. Du hast schon recht.“

„Also dann sehen wir uns heute Abend, ja? Wünsch dir noch einen schönen Tag, bis später!“

 

Eigentlich hat sie recht, ich sollte ihm wirklich zurück schreiben, wäre doch sonst nur höflich, oder?

 

An: peter_schuster@gmail.com

Von: franzi.mayer@aon.at

Betreff: doch, noch immer kreativ…

 

Lieber Herr Schuster!

Ich habe mich wirklich sehr über Ihre Geburtstagswünsche gefreut, nett dass sie nicht nur ihrem Onkel ein interaktives Geburtstagsmail gönnen, sogar ich durfte in den Genuss dieser lieben Zeilen kommen. Die besten Grüße an Paulchen, sehe schon, er wird mal ein großer Denker.;-) Da steckt eindeutig Potential dahinter.

Lg Franzi Mayer

 

Der Tag verging relativ schnell. Abends traf ich mich dann mit Betty und wir tranken ein paar Cocktails in unserer Stammkneipe. Leider stand jedoch wieder kein annehmbarer Kandidat als „Geburtstagsversüßung“ zur Auswahl. Vor dem zu Bett gehen, wollte ich die neuesten Ereignisse nochmals online abrufen, konnte aber nicht umher auch in meinen Posteingang zu linsen. Ah, Herr Schuster hat zurückgeschrieben, schön, das freut mich.

 

An: franzi.mayer@aon.at

Von: peter_schuster@gmail.com

Betreff: sollte ich ins Programm aufnehmen?

 

Liebe Frau Mayer!

Sie denken also, ich sollte dies als Anmachspruch in mein Repertoire übernehmen?

Ich hoffe Sie haben heute  schön gefeiert. So wie Sie klingen, waren Sie sicher der Kracher auf ihrer Party!! J

Schlafen Sie gut!

Mit freundlichen Grüßen

Peter Schuster

 

Der Kerl ist ja witzig, ich fühle mich ganz aufgedreht. So etwas ist mir noch nie passiert. Ich hole noch meine Zahnseide und schreibe zurück. Die Cocktails scheinen aber ein wenig meine Zunge zu lockern.

 

An: peter_schuster@gmail.com

Von: franzi.mayer@aon.at

 

Lieber Herr Schuster!

Wie nicht anders zu erwarten war – ich will mich ja nicht beschweren – meine Feier weitaus weniger erfreulich als erhofft. Als Single Geburtstag zu feiern ist nur halb so schön – wie gesagt, ich will mich ja nicht beschweren – ok, vielleicht ein bisschen doch.

Sollten Sie wirklich noch Interesse an richtig GUTEN Anmachsprüchen haben, kann ich Sie mit einer kleinen Auswahl an Anekdoten von heute Abend hier beglücken. Ich nenne sie, meine Top 3:

 

1)      Dein Vater muss ein Dieb gewesen sein, er hat die Sterne vom Himmel geholt und in deine Augen gelegt!   BEWERTUNG: gaaaaaanz mies, grottenschlecht, schon lange da gewesen, lässt Frauen eher an Brechreiz ins Bett kommen.

2)      Kennen wir uns nicht von irgendwo her? BEWERTUNG: einfallslos, altbacken, unglaubwürdig (denn wenn man mich einmal kennenlernen durfte, dann vergisst man mich nicht und muss nicht blöde nachfragen)

3)      Ist dein Vater Terrorist? Du bist nämlich eine BOMBE! BERWERTUNG: Dies ist ein Filmzitat aus Zweiohrküken und hat dort schon für wenig Erfolg gesorgt und nur weil Schweighöfer damit aufgewartet hat, heißt es noch lange nicht, dass es gut ist.

Nun hoffe ich Ihnen damit behilflich gewesen zu sein!!!

 

Hochachtungsvoll Franzi Mayer! J

 

Oh, er scheint online zu sein, wenige Minuten drauf erscheint ein Kuvert in meinem Posteingang. Voller Neugier öffne ich die Nachricht.

 

An: franzi.mayer@aon.at

Von: peter_schuster@gmail.com

Betreff:  eine Offenbarung

 

Mann, Mann, wissen denn die anderen Frauen jetzt, dass sie mich in die intimsten Geheimnisse der weiblichen Spezies eingeführt haben??? Ich hoffe sie kriegen nun keine Schwierigkeiten.

Nachdem sie nun 2/3 meiner – bisher als kreativ befundenen – Anmachsprüche zunichte gemacht haben, werde ich wohl einsam sterben müssen. L

Tut mir sehr leid, dass Ihr Geburtstag nicht so verlaufen ist, wie sie sich erhofft haben… die Nacht ist noch jung…. Ich habe ein Auto ;-)

Lg Peter

 

„Na das ist  mir einer!“ ich bin ganz entsetzt über die freche Äußerung, entsetzt und hauptsächlich amüsiert!

 

An: peter_schuster@gmail.com

Von: franzi.mayer@aon.at

Betreff: Na Sie sind mir ja einer…..

 

Pffffff, wie soll man den bitte DARAUF reagieren?? Stillschweigen…. Denk ich mal….hmmm

Haben Sie ihren Onkel übrigens schon erreicht??

Lg Franzi

 

 

An: franzi.mayer@aon.at

Von: peter_schuster@gmail.com

Betreff: ein „i“-Fehler

 

Danke der Nachfrage, mein Onkel hat sich über die Glückwünsche sehr gefreut, auch er musste feststellen, wie intelligent mein Neffe doch ist ;-)

Mir kam die „Verniedlichung“ in seiner e-Mailadresse schon ein wenig „merkwürdig“ und „unmännlich“ vor… aber was weiß man schon, was im Kopf eines 65jährigen so vor sich geht.

Sind Sie gar nicht müde?

Lg Peter

 

An: peter_schuster@gmail.com

Von: franzi.mayer@aon.at

Betreff: gähn….

 

Doch schön langsam lässt der Alkoholpegel nach und der Raum dreht sich nicht mehr wie ein Karussell…. Welche Erleichterung…. Hatte schon die schlimme Vorahnung die Nacht mit meiner Kloschüssel zu verbringen, was dann auch zugleich den absoluten Tiefpunkt meiner Liebesbeziehungen zeigen würde…..

Peter, wie alt sind sie eigentlich?

Lg Franzi (die Beschwippste)

 

An: franzi.mayer@aon.at

Von: peter_schuster@gmail.com

Betreff: sehr indiskret und direkt

 

Ich frag Sie doch auch nicht wie alt sie heute geworden sind, oder?? Sagen wir mal so ich bin näher an der 40 als an der 30, das sollte genügen.

Sie haben recht, erotische Beziehungen zu Badezimmermöbeln sind äußert schlecht geeignet für die Öffentlichkeit. Außer sie wollten gerne bei Barbara Karlich zu Gast sein….

Lg Peter

 

 

An: peter_schuster@gmail.com

Von: franzi.mayer@aon.at

Betreff: Barbara Karlich?

 

Sind Sie etwa Österreicher? Anhand Ihrer Mailadresse konnte ich das so schlecht erahnen….. interessant sag ich da nur….. *grübel* Wer weiß, vielleicht kenne ich Sie ja sogar…. Sie tragen nicht rein zufällig einen Vokuhila mit Rotzbremse, Karohemd und Hochwasserhose? So einen Kerl hatte ich nämlich heute dabei bei den 3 Anmachsprüchen…..

Lg Franzi (die Geschockte)

 

An: franzi.mayer@aon.at

Von: peter_schuster@gmail.com

Betreff: versteckte Kamera?

 

Woher wussten Sie das? Sie werden mir beinahe unheimlich liebe Frau Mayer…. Tztztz….

Natürlich bin ich Österreicher… sogar stolzer Salzburger, da staunen Sie, was?

Stellen Sie sich mich so vor: groß, sportlich, ungemein smarte Erscheinung, angenehmer Geruch, gewinnendes Wesen, überdurchschnittlich große….. Füße….

Lg Peter

 

An: peter_schuster@gmail.com

Von: franzi.mayer@aon.at

Betreff: soso, Salzburg also….

 

Nun mal im Ernst, wer steckt nun hinter dieser Verarsche? Ich finde das überhaupt nicht witzig….. wehe Simon, ich finde heraus dass du dahinter steckst, dann GNADE DIR GOTT! L

Gute Nacht!

 

Beleidigt knalle ich den Deckel des Laptop zu, so ein Arsch. An meinem Geburtstag braucht mich Simon nicht so hochzunehmen. Der kann morgen was erleben im Büro. Ich gehe gefrustet ins Bett und versuche wenigstens ein paar Stunden Schlaf zu bekommen.

Am nächsten Morgen sehe ich so überhaupt nicht nach „blühendem Leben“ aus, ich habe tiefe Augenringe, eine blassen Teint (wenig schmeichelhaft) und meine Laune ist auch auf dem Tiefpunkt. Im Büro angekommen, stürme ich sofort durch Simon`s Tür um ihn zur Rede zu stellen. Er kann mich äußerst glaubwürdig davon überzeugen nicht DER Peter Schuster zu sein, mit dem ich mich so nett unterhalten hatte. Ups… vielleicht hab ich ja doch ein wenig überreagiert… der hält mich jetzt sicher für eine Psycho….

Gott sei Dank geht dieser Tag schnell vorüber und während ich eine Dosensuppe wärme starte ich meinen Laptop. Bitte, bitte, hoffentlich ist ein Mail von ihm da….bitte!!!

 

An: franzi.mayer@aon.at

Von: peter_schuster@gmail.com

Betreff: was war da los?

 

Liebe Frau Schuster!

Ich habe absolut keine Ahnung warum Sie nun so sauer reagiert haben, ich dachte wir machen ein wenig Spaß. Habe ich mich irgendwie unglücklich ausgedrückt? Liegt es etwa an meinen großen…. Füßen?

Sollte ich Sie beleidigt haben, tut es mir ausgesprochen leid. Ich hoffe ich bekomme von Ihnen noch die Chance dies aufzuklären.

mfG Peter (der Reumütige)

 

Bitte, wie kann man da sauer sein? Dieser Mann versteht es Worte zu benutzen, hab ich noch nicht oft erlebt. Vielleicht sollte ich ihm ja doch eine Chance geben…. Hmmm Salzburg, kann es möglich sein, dass sich zwei Fremde SO kennenlernen?

 

An: peter_schuster@gmail.com

Von: franzi.mayer@aon.at

Betreff: Guten Tag, mein Name ist Überreaktion!

 

Lieber Peter!

Es tut mir wirklich leid, mit mir sind wohl gestern die Pferde durchgegangen. Nachdem wir beide aus dem gleichen Bundesland stammen, kam mir die Idee, dass mich ein Arbeitskollege hochnehmen wollte. Meine Reaktion war sehr dämlich. Bitte entschuldigen Sie!

Lg Franzi (die Fettnäpfchenqueen)

 

An: franzi.mayer@aon.at

Von: peter_schuster@gmail.com

Betreff: da fällt mir ein Stein vom Herzen

 

Da bin ich aber froh, dass ich diesmal unschuldig zum Handkuss kam. Puuuuhhhh.

Ich könnte mich aber sehr versöhnlich zeigen, wenn Sie bereit wären, ins kalte Wasser zu springen, und mit mir einen Kaffee trinken zu gehen. Nachdem wir beide aus Salzburg sind, können unsere Wege maximal 1 Stunde auseinander sein…. Was halten Sie davon Franzi? Schisser oder nicht, das ist hier die Frage (stammt diesmal von mir und nicht von Paulchen)

Lg Peter (in freudiger Erwartung)

 

An: franzi.mayer@aon.at

Von: peter_schuster@gmail.com

Betreff: geben Sie sich einen Ruck

 

Nun sagen Sie schon JA! J

Das kann doch unmöglich Zufall sein, dass ich sie mit meinem Onkel verwechselt habe…. Überzeugen Sie  mich vom Gegenteil, dass sie kein behaarter (nur Brust und Rücken – Haupt ist leer) Mittsechziger sind, der sich einen Spaß mit mir erlaubt….

Ich würde mich wirklich sehr freuen!

Was machen Sie morgen Nachmittag so gegen 14:00?

Ich hätte vor im Cafe Tomaselli im Herzen Salzburgs dem Glockenspiel zu zuhören, bei einem berühmten Stück Kuchen und einem Melange….

Klingt doch sehr verlockend, oder?

Lg Peter (derjenige, der morgen nicht alleine im Tomaselli sitzen will)

 

****************************

 

An: peter_schuster@gmail.com

Von: franzi.mayer@aon.at

Betreff:

 

ICH KANN ES NICHT FASSEN, DASS DU DAS ECHT GEMACHT HAST!!! Hihihi

Lieber Peter,

der Nachmittag mit dir war wunderschön. Ich glaube du hast mir meine Sprachlosigkeit anfangs auch angemerkt, wer hätte gedacht, dass ich Ausschau halten soll nach einem Kerl mit  Vokuhila, Rotzbremse, Karoshirt und Hochwasserhose…. Nie im Leben hätte ich geglaubt, dass jemand so uneitel sein kann und sich dermaßen verkleidet. Damit hattest du mein Herz im Sturm erobert, du Verrückter.

Dieser schöne Nachmittag wurde dann nur noch getoppt von unserem wundervollen Abendessen und dem darauffolgenden Spaziergang an der Salzach. Ich hab mich so wohlgefühlt in deiner Nähe, ich kann es kaum beschreiben. ´

Noch nie zuvor, hab ich mich dann bereits am ersten Abend SO küssen lassen, da darfst du dir was drauf einbilden, mein Lieber….

Freue mich schon auf morgen, wenn wir uns wiedersehen!

Küsschen

Franzi

 

An: franzi.mayer@aon.at

Von: peter_schuster@gmail.com

Betreff: Schicksal

 

Wer hätte geglaubt, dass ein einfacher „i“-Fehler einmal mein ganzes Leben verändern wird….

Wir sehen uns morgen!! J

DANKE Onkel Franz, ich bin dir nun ECHT was schuldig!!!

 

Kuss Peter


Einmal Spielplatz und zurück bitte...

 

ENDLICH blinzeln die ersten Sonnenstrahlen

vom Himmel – die fleißigen Bienen und

Hummel gehen auf Blumensuche, die Shirts

und Hosen werden langsam kürzer…. der

Frühling ist da!

Voller Tatendrang schnappe ich mir

meinen 2jährigen Sohnemann und

beschließe, den nicht allzu weit entfernten

Spielplatz aufzusuchen. Bewaffnet mit Eimer,

Schaufel, einem Mützchen - um die mäßige

Haarpracht zu schützen - Jause für eine

Kompanie und einem guten Buch für mich, machen wir uns auf den Weg. Rauf auf das Dreirad, den Gurt straff und los geht die Fahrt!!! Der Kleine quiekt vor Vergnügen wenn wir uns durch die Menschenmenge der Stadt schleichen.  Wir kommen an einer Kreuzung zu stehen und voller Interesse begutachtet er die vielen Lastwagen und Kräne dazu noch die Bauarbeiter, die gerade unter lautem Getöse und Geschrei sich miteinander verständigen. „Heast du Oasch – schau gefälligst, dass du dein Scheiß beinand hast… sunst klopf i da oane!“ „Ah – geh hoam du Reabeidl, i hob des oisse im Griff!“

Daniel beginnt zu lachen und wiederholt fortlaufend „Oasch – Scheiß“ – wie ein Mantra hat sich das in sein Gedächtnis gebrannt. Prima… das kann ja noch was werden.

Von der Ferne hören wir bereits Kinderstimmchen und Mama’s die leicht hysterisch nach ihren Kindern rufen, jedoch dabei die Coolness in Person darstellen wollen. Das klingt dann in etwa so: „Sabrina?“ (Wobei das Sa und ina dann schon schrill hoch gesprochen wird) „Neeeeeein, pfui, wir essen keine Blätter vom Busch.“ (man beachte die WIR-FORM – dem Kind immer das Gefühl geben nicht alleine in seiner Misere zu stecken) „Davon bekommen wir nur Bauchzwicken und das wollen wir ja nicht!“ (Übersetzung: Verdammt nochmal ich hab absolut keine Lust, dass du dir heute wieder die Seele aus dem Leib kotzt und ich dein Bett dreimal neu überziehen muss – nur weil du nicht auf mich hören wolltest!!!! Grrrrrr….) „Sei brav und geh hinüber zu Hans-Joachim-Benedikt und bau ein schönes Türmchen für Mama!“ Mit dem Endergebnis, dass sich Sabrina genüsslich das nächste Blatt in den Rachen stopft und Mama ein gekünsteltes Lachen aufsetzt, hinüber geht mit bös/grimmiger Miene und mit ihrem Augenstern im Krabbelalter ein ernstes 4-Augengespräch führt, warum es von Nöten ist, auf seine fürsorgliche Bezugsperson zu hören. 10 Minuten später siehst du exakt DIESES Kind vor einem anderen Busch sitzen und eben andere Blätter in sich hineinstopfen… neverending Story.

 

Jedenfalls betreten wir das riesige Areal, das alles zu bieten hat,  was sich ein Kinderherz wünschen kann… angefangen von Schaukeln, Rutschen, Spielhäuschen, Wippe und vielem mehr. Sogar ein freies Bänkchen erwische ich direkt neben der Sandkiste – PERFEKT! Wie gemacht für mich. Ich setze Daniel hinein, verstreue seine Spielsachen um ihn herum und platziere mich genüsslich auf die Holzbank. Mit einem Auge ständig prüfend auf meinem Kind mit dem zweiten in der jeweiligen Zeile des Buchs. Sieht vermutlich mehr als schräg aus, ist aber äußerst effektiv. Somit konnte ich auch sofort bemerken, dass sich so ein Schläger mit im Sandkasten befindet. Er schielt bereits die ganze Zeit auf den Bagger meines Kleinen, robbt sich Zentimeter für Zentimeter heran, bevor er gnadenlos zuschlägt und seine puddingverklebte Hand sich um die Baggerschaufel schließt. Daniel – gutmütig wie er ist, nimmt sich sein Schäufelchen und belädt seinen Lastwagen ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Ich schnaube laut aus – hat denn die Mutter dieses Rowdys das nicht mitbekommen? Scheinbar nicht, denn sie ist abgelenkt von ihren anderen 2 Kindern die lärmend über den kompletten Spielplatz verstreut sind. „Schantalle – tu doch mal die Omma die Türe aufmachen. Ja genau. OMMA! Hier – Bank – Tisch – Kannst Beine hochlegen!“

Nein bitte nicht – doch, sie deutet mit ihren klobigen Fingern genau auf die zweite Bank gegenüber von mir. Oh wie ich das liebe, wenn Menschen mit übermäßigem Stimmvolumen sich in meiner Nähe aufhalten. Ich sehe frustriert auf, die Frau nickt mir kurz zu, platziert ihre Tasche voller Essensrationen laut auf dem Tisch, zeitgleich ruft sie ihrem Spross in der Sandkiste ein paar liebevolle Worte entgegen.  „Kevin! Tu doch mal die Omma winken – ah fein macht er das!“ Sie legt ihren Kopf schief und grinst ihn kurz an – Momente später entdeckt sie Kind Nummer drei am Klettergerüst, der mit dem Kopf nach unten hängend schon knallrot ächzt. „Tschastin! Mach dein Kopp doch mal richtig rum, hä?“ Mit einem wahrnehmbaren Seufzer nimmt sie neben mir Platz. „Lieb die Kleinen, nä?“

Ich nicke verlegen und halte demonstrativ nochmal mein Buch in die Höhe und konzentriere mich darauf – ich versuch es wenigstens.  Denn eine lange Verschnaufpause lässt mir  die liebe Dame nicht. „Oh guck doch mal! Ne Mäh! Omma – nimm die Schantalle und mach ma die Mäh ei!“  Oh Gott allein dieser Satz hat MICH um etliche Punkte verblöden lassen – ich bin entsetzt über den Wortschatz über die Selbstverständlichkeit diese wenigen Worte grammatikalisch komplett falsch zu verwenden und …. die armen Kinder.  Genervt greife ich mir an die Nasenwurzel, ich entscheide mein Buch auf die Seite zu legen und mit Daniel zur Schaukel zu gehen. Als wir die Sandkiste verlassen, stürzt sich der kleine Rowdy postwendend auf unser Spielzeug – soll er … viel Vergnügen. Beim Gehen höre ich nur noch „Ei, fein, tut der Kevin schön brumm brumm machen, jaaaaa!“

Ich meine, ich bin nun sicher keine dieser Übermama’s die ihre Kinder bereits im Fötusstadium bei einer musikalischen Früherziehung anmelden, oder vor dem Kindergarten noch mit ihnen Japanisch lernen müssen – Gott bewahre – aber WAS soll da rauskommen? Ich höre meinen Kleinen aufjaulen vor Vergnügen – oh wie herrlich dieses Kinderlachen klingt. Immer höher schupfe ich ihn an und das Grinsen in seinem Gesicht wird immer größer. Genau für SOLCHE Momente schleppe ich mich auf den Spielplatz – nicht um Kontakte zu knüpfen, sondern um meinem Kind unbeschwerte Momente zu bescheren. Beinahe hab ich schon die penetrante Familie vergessen, bis OMMA neben mir zum Stehen kommt, anstatt die wenigen Schritte zu ihrer Tochter hinüber zu gehen wird dies per „Luftpost“ ausgetauscht, kurzum - es wird gebrüllt.

„EEEEEEERIKA! Die Schantalle mag Nammi – was  haste?“

Mir klappt der Mund nach unten – ich werfe einen Kontrollblick auf Schantalle – ein Mädchen mit etwa 9 Jahren, die sicher der normalen deutschen Sprache mächtig ist und keinesfalls Nammi haben will ... sondern hungrig ist! Verdammt nochmal!

Ich schnappe mir Daniel aus der Schaukel und stelle ihn auf den Boden. Da legt OMMA nochmal einen nach. „Na, haste Gesichtswurst mit? Und ein wenig Blubberwasser – aber da muss ich immer Bäuerchen machen.“

Genug ist genug. Gerade will ich loslegen um OMMA samt Mama so richtig die Meinung zu geigen, da spricht mich ein Mann von der Seite an. „Entschuldigen Sie?“

Ich drehe mich bösartig um, gifte ihn an und pfauche in einem Ton der Dobermänner kuschen lassen würde: „WAAAAAAAS?“

Für einen Moment zuckt er erschrocken zusammen, kleinlaut spricht er weiter. „Ist das da drüben rein zufällig Ihr Sohn?“

Um Himmels Willen bei all den frustrierten Gefühlen die ich wegen dieser fremden Familie aufgebracht habe, habe ich gerade Daniel total aus den Augen verloren. Gott sei Dank ist das Gelände überschaubar und eingezäunt. Meine Stimme schlägt wieder in den mütterlichen Modus um. „Ja, wo… ja ist er… was?“

„Ich glaube Sie sollten ihn lieber holen, er teilt sich gerade einen Knochen mit dem Hund am Nachbartisch.“

Meine Kinnlade fällt nach unten – WIE EKLIG IST DAS DENN BITTE. Ich bedanke mich hastig und sprinte die paar Schritte bis zu unserem Sitzplatz  hinüber. Tatsächlich kniet mein Knirps am Boden und fingert genüssliche an einem Kauknochen herum. Ich kann ein Würgegefühl nur schwer unterbinden und schäme mich auch gerade in Grund und Boden. Am Tisch sitzt inzwischen die gesamte Familie um Tschastin versammelt und verspeist ihre Brötchen mit Gesichtswurst und sieht mich herablassend an. Ich hole Feuchttücher aus der Wickeltasche, säubere meinen quiekenden Sohn, sammle hastig alle Spielsachen zusammen und verstaue Daniel auf seinem Dreirad. Bevor ich gehe kommt Erika nochmal auf mich zu, klopft mir auf die Schulter und sagt: „Keine Sorge, haben meine Kinder auch gemacht und man sieht aus ihnen ist auch was geworden, nä?“ Mir sinkt mein Kopf nach unten… ja, ist wohl wahr. Ich marschiere zum Ausgang hinüber und mein Sohn setzt noch den letzten Funken Selbstachtung den ich habe volle gegen die Mauer indem er lauthals schreit: „Oasch-Scheiß!“ Alle Köpfe drehen sich nochmal in unsere Richtung.

Ich glaube ich kenne auch noch einen bezaubernden Spielplatz am anderen Ende der Stadt.

 

 

mehr lesen 0 Kommentare

Schon der Komiker Jerry Lewis wusste:

 

Mit Humor kann man Frauen

am leichtesten Verführen,

                                         denn die meisten Frauen lachen gern,

                                          bevor sie anfangen zu küssen.