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Aufzug ins Glück?????

 

„Puh, endlich geschafft!“ ich atme tief durch und lehne mich an die geschlossene Wohnungstür. Dies waren eindeutig die letzten Gemeinsamkeiten, die mich mit Luke verbunden haben. In einer großen Box habe ich einen halbvertrockneten Elefantenfuß, ein paar Romane die ich noch unter dem Bett gefunden habe, meinen kleinen Reisewecker und eine Stehlampe. Ok, wenn ich nun gemein wäre, würde ich ihm diese Tiffanylampe überlassen, sie ist potthässlich, aber ich hatte sie damals bei meinem ersten Flohmarktbesuch in New York gekauft. Dies war nun zwei Jahre her. Ich, Samantha Peters, wagte den Schritt vom Kleindorf in Texas in die „große Stadt“. Ich hatte die Uni abgeschlossen, war nun offiziell Rechtsanwältin und wollte ins große Business einsteigen. Letztendlich landete ich in einer kleinen Kanzlei in der 32nd Street, mein Chef Peter ist eine Seele von Mann. Wäre er nicht mindestens doppelt so alt wie ich, bereits in vierter Ehe mit sieben beinahe erwachsenen Kindern, käme er meiner Anschauung eines Traummannes sehr nahe. Ich hatte ihn rein zufällig vor Gericht getroffen, es war mein erster Fall den ich vertreten durfte. Ein Kleinkrimineller wurde  bei einem Überfall auf einen Supermarkt verhaftet – ein hoffnungsloser Fall, da es Videobeweis und diverse Augenzeugen gab. Dennoch schaffte ich es meinen zukünftigen Chef zu beeindrucken, sodass er mir gleich einen Job anbot und mich somit von der großen, unpersönlichen Kanzlei Prouds, Clanes & Summit, abwarb. Dies war das Beste, was mir passieren konnte.

Nun stand ich mit meinen Habseligkeiten vor der Tür von Luke Clanes – ja richtig, er ist einer der Partner der Kanzlei und es war damals Liebe auf den ersten Blick, so kitschig sich das auch anhören mag.

Nachdem ich ihn aber am Vortag mit seiner Sekretärin, mit heruntergelassenen Hosen auf seinem Schreibtisch, in ihr, und dem Herrn zujubelnd, erwischt hatte, packte ich meine Sachen und ging in ein Hotel. Nach einem langen tränenreichen Telefonat mit meiner besten Freundin Amber, die gerade im Ausland tätig ist, vereinbarten wir, dass ich in ihrer Abwesenheit die Wohnung übernehmen kann. Also ging ich tags darauf in Luke’s Wohnung, holte meinen letzten Kram und hier stehe ich nun, ein Häufchen Elend mit Elefantenfuß und diversem Kleinkram – erbärmlich! Dennoch gehe ich mit einem Grinsen im Gesicht, da ich Luke ein kleines Abschiedsgeschenk hinterlassen habe. Zwischen Lattenrost und Auflage steckt ein kleines Stück Hering, das nun langsam vor sich hinschimmeln kann, unter dem Küchentisch klebt ein riesiger Mint-Kaugummi und den Balkontürgriff auf seine wunderschöne Terrasse habe ich in meiner Manteltasche verstaut – ich fühle mich ganz gut.

 

Auf der Strasse angekommen, rufe ich mir ein Taxi. Als ich einsteige, bemerke ich den mitleidigen Blick des Fahrers. „Kein gut Tag, schöne Lady? Asjaf machen, dass sie wieder lachen!“ er zieht einen Plastikblumenstrauß aus seinem Ärmel und reicht ihn mir. Oje, New York wimmelte nur so vor verborgenen Talenten! Dankbar grinse ich ihn an und gebe ihm die Adresse zu meinem neuen zu Hause. Es ist ein riesiger Block in guter Lage, Amber hat dort eine große, helle Wohnung im 37. Stockwerk. Das Fernsehbusiness scheint ganz rentabel zu sein!

Mittlerweise wird es langsam dunkel. Ich wiederum zaubere Asjaf ein Lächeln auf die Lippen, da ich ihn mit großzügigem Trinkgeld entlohne.

„Sie mich immer rufen können, schöne Lady, ja? Asjaf immer für sie da, nix vergessen!“

Der Portier hält mir die Tür auf. Die blöde Umzugskiste hat eine wirklich unhandliche Größe und ich halte sie so, dass ich gerade mal seitlich vorbei sehen kann. Ich habe einen riesigen toten Winkel. Zugegeben, es ist vielleicht nicht die allerbeste Idee von mir gewesen, im Bleistiftrock und mit Mörder High-Heels die restlichen Sachen abzuholen, aber ich wollte gewappnet sein, falls Luke doch zu  Hause gewesen wäre. Nun stolpere ich die Eingangshalle entlang in Richtung Aufzug.

„Halt Tinkerbell, NEEEEEEEIN!“

Ich höre aus der Ferne eine Männerstimme und im nächsten Moment liege ich auf dem Boden und fühle mich, als ob mich eine ganze Footballmannschaft umgestoßen hätte. All meine Habseligkeiten liegen verstreut im Foyer. Ein riesiger Hund steht mit seinen Pfoten auf meinen Oberschenkeln und leckt mir beherzt die Wange. Mein Gott wie eklig, ich brauche dringend ein Taschentuch, nein Desinkefektionsspray, ach was am besten lasse ich mir meine Wange amputieren, ich könnte es ja mit einem schicken Schal kaschieren….. Baaaah, ist das eklig!

„Ahhhhh! Verschwinde!“ rufe ich hysterisch.

„Komm sofort runter Tinkerbell! Böser Hund, böse, hörst du?“ die Männerstimme ist schnell näher gekommen, zerrt an dem Vieh und befreit mich von der Last. Er packt meine Hand und zieht mich auf.

„Miss, es tut mir so unendlich leid, geht es ihnen gut?“

Ich muss mich erst einmal orientieren. Im Spiegel sehe ich, dass meine Steckfrisur in alle Richtungen steht, es ist gerade so, als ob ich einen Autounfall überlebt hätte. Ich streiche meinen Rock glatt. Dieser Kerl hält noch immer, mit besorgter Mine, meine Hand und wartet anscheinend auf eine Antwort.

„Ja, ähhhh… ich weiß  nicht….. ich…..“ schön langsam komme ich wieder in der Realität an. „Sind sie denn wahnsinnig? Ihr blödes Vieh hat mich umgerannt, schauen sie sich mal die Bescherung an. Oooooooh, meine schöne Lampe ist kaputt!“ Ich will mich gerade hinknien um alles aufzuräumen, doch er kommt mir zuvor. Nun bemerke ich ihn erst richtig. Es ist ein Kerl Mitte dreißig mit sportlicher Figur, sofern man das sagen kann. Die Levi’s sitzt jedenfalls sehr vorteilhaft um seinen Hintern, er hat ein wenig längeres mittelblondes Haar und ein ebenmäßiges Gesicht. Sicher auch so ein Playboy! Er dreht sich entschuldigend zu mir um und lächelt verlegen. Im ersten Moment bleibt mir die Spucke weg – Wow, ein ausgesprochenes Prachtexemplar von einem Mann!

„Wie gesagt, es tut mir wirklich sehr leid. Glauben sie mir, so etwas hat Tinkerbell zuvor noch nie gemacht. Ich hielt die Leine einen Moment nicht und schon raste er auf sie los. Ich hoffe sie sind soweit unverletzt?“

„Tinkerbell, etwa wie die Fee?“ Vor mir sitzt eine große schwarze Dogge, die mir mit dem Kopf bis zu meinen Hüften reicht. Sabber hängt an seinen Lefzen, er hechelt und wedelt zufrieden mit seinem Schwanz.

„Ich weiß, der Name wirkt ein wenig fehl am Platz – meine Ex hatte den Hund für uns ausgesucht.“ Er sieht verlegen zum Boden und klopft Tinkerbell liebevoll auf den Brustkorb.

„Wohnen sie hier?“ er versucht das Thema zu wechseln.

„Ja, vorerst. Ich bin in der Wohnung einer Freundin. Also, nichts für ungut.“ Ich reiche ihm die Hand.

„Andrew.“ Ergänzt er meinen Satz und schüttelt sie. „Und sie sind?“

„Samantha, aber alle sagen Sam.“

Ich drehe mich um, gehe zum Aufzug und will nur noch in eine Kontaminationsdusche.

„Nochmals Entschuldigung, Sam, ich glaube er mag sie einfach. Tut uns sehr leid.“ ruft er mir nach.

Ohne mich umzudrehen, hebe ich die Hand als Geste der Entschuldigungsannahme.

Ich lasse mir ein heißes Bad ein, schrubbe intensiv an meiner besabberten Wange herum und beschließe, mich nun anzuziehen um eine Kleinigkeit essen zu gehen. ALLEIN. Ich bin wirklich allein, wie konnte das nur passieren. Habe ich die Anzeichen übersehen. Gut, zugegeben, Lukes Sekretärin war heiß, doch er hatte mir stets versichert, dass er sie überhaupt nicht attraktiv fand und sie nur eingestellt hatte, da er ihren Vater kannte. Männer sind Schweine – lügende stinkende Mistschweine. Ich schlucke meine Tränen hinunter, werfe mich in ein „Feel-good-Outfit“ schminke mich dezent und gehe hinaus ins tosende Leben auf den Strassen.

Ich habe keinen großen Appetit, dennoch gehe ich in das kleine italienische Restaurant, bestelle mir tapfer eine Flasche Chianti und die Spaghetti mit Muscheln. Bevor die Hauptspeise da ist, habe ich bereits die halbe Flasche geleert, und die zweite Hälfte braucht auch nicht recht viel länger. Ich bin richtig beschwippst, als ich das Lokal verlasse, wackelig gehe ich die paar Strassen zu meiner Wohnung. Als ich beinahe stolpere, kichere ich wie ein kleines Mädchen. Der Portier hält mir höflich die Türe auf. Ich drücke auf den Knopf des Aufzugs als neben mir eine Person zum Stehen kommt. Ich drehe mich hinüber, es ist Andrew.

„Oh, hallo Andrew, ganz alleine?“ ich konnte Tinkerbell nirgends ausfindig machen.

„Ja, er wartet auf mich in der Wohnung. Hatten sie einen netten Abend?“ Ich muss die ganz Zeit auf seine wunderschönen Lippen glotzen. Wie in Zeitlupe bewegen sie sich. Wow, das ist irre sexy!

„Äh… ja…..“ stammle ich. „Ja, sehr nett, Dankeschön.“

PLING! Der Aufzug ist da. Wir steigen beide ein, die Tür schließt sich. Zwischen 11. und 12. Stock gibt es plötzlich einen Ruck, der Aufzug kommt zum Stillstand und das Licht flackert kurz auf. Von der Erschütterung – ok, und auch durch den Alkoholpegel – falle ich beinahe zu Boden. Andrew fängt mich auf und hält mich fest. Ich spüre regelrecht wie die Funken zwischen uns herumfliegen. Ein Kribbeln geht über meinen ganzen Körper. Verwirrt sehe ich ihm tief in die Augen, bemerke auch seine Verwunderung. Ich öffne leicht meine Lippen und forme ein tonloses „Oh!“. Sein Blick wandert darauf.

Plötzlich überkommt es mich und ich ziehe ihn heftig an mich und ich küsse ihn. Sowas hab ich noch NIE gemacht!!! Mir gehen die Knie ein, doch ich bin fest verkeilt in seinen Armen. Gott, sowas hab ich ECHT noch nie gemacht! Ein zufriedenes Seufzen dringt aus meiner Kehle. Plötzlich spüre ich es erneut ruckeln. Und kurz darauf, PLING! Der Aufzug kommt in meiner Etage zu stehen – die Tür geht auf. Ich lasse Andrew los und er starrt mich entgeistert an. Was war da denn passiert?

 

Ohne ein Wort zu sagen, verlasse ich mit rotem Kopf aber seligem Grinsen den Lift. Ich streiche mir mit dem Zeigefinger über die Lippen. Genau DAS hatte ich gebraucht. Ich fühle mich wie neugeboren – neu geschaffen! Ich schließe die Tür zu meinem Apartment auf, werfe meine Jacke über die Garderobe, lege mich auf die riesige weiße Couch und lächle zufrieden! Ich denke nur: JA, DIES KÖNNTE DER ANFANG EINER WUNDERBAREN FREUNDSCHAFT WERDEN!